Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 1 (1925-1926)
- Issue
- Heft 5 (Dezember 1925)
- Article
- Urkirche und Judentum
- Date
- 1925-12-01
- Page
- 569 (sequence 21)
- Language
- German
- Belongs to
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Urkirche und Judentum Das Zeremonialgesetz wird als etwas Zeitweiliges, etwas nur Vorbereitendes von der Kirche anerkannt Denn es ist heute abgelöst durch die Freiheit des Evangeliums und das Gesetz der Gnade. Aber verachtet wird es nicht Im Gegenteil, seine Vorschriften werden von den Führern der Frühkirche zur Begründung der kirchlichen gottesdienstlichen Ordnung gerne herangezogen und im Sinne des vorhin erwähnten alttestameniiichen Schriftbeweises ausgewertet1) Es wird überhaupt die ganze alttestamentliche Schriftsammlung als eine göttlich inspirierte Schrift betrachtet und wird als solche noch heute in der katholischen Kirche verehrt, gelesen und durch fromme Betrachtung für das geistige Leben fruchtbar gemacht. Es wird außerdem die ganze Heilshoffnung, die jüdische Eschatologie, die auf die letzte Endzeit des Messias geht, von der Kirche noch heute mit ungebrochener Gläubigkeit in ihrem Meß- Credo jeden Sonntag als Lehre vorgetragen: wir erwarten die Auferstehung der Toten, wir erwarten die Wiederkunft des Menschensohnes, damit er richte die Lebendigen und die Toten; wir erwarten das ewige Leben, wir glauben, daß des Messias-Reiches kein Ende sein wird.2) Durch die Erwähnung des Meß-Credos sind wir schon an dasjenige Gebiet herangekommen, welches am reichlichsten altjüdisches Erbgut bewahrt hat und bis heute in der Kirche lebendig erhält: die kirchliche Liturgie. (Dieses ehrwürdige und schöne Gebilde christlicher Frömmigkeit, göttlicher Anordnung und jüdischer Überlieferung, bedürfte in unserem Zusammenhang eines besonderen Vortrages. Vielleicht lassen Sie sich für einen solchen einmal den hierfür berufensten katholischen Redner kommen, Prof. Dr. Anton Baumstark von der Universität Bonn. Ich muß mich heute Abend ganz kurz fassen.) Wenn wir Katholiken die heilige Messe feiern, so unterscheiden wir zwei Teile, einen Vorgottesdienst, bestehend aus abwechselnden Gebeten, Psalmen und Lesungen, einen Hauptteil, bestehend aus der Herrichtung der Opfergaben, aus dem Konsekrationsgebetskreis und aus der heiligen Kommunion. Wie nun der Jude bei seinem Sabbat-Morgengebet einen Abschnitt aus der Thora, die Paraschen, und einen Abschnitt aus den Propheten, die Haphtharen, vorliest, so liest heute der Priester in der Vormesse einen Abschnitt aus den nichtevangelischen Teilen 1) Vgl. besonders den Clemensbrief c. 4o ff. 2) Das Meß-Credo ist die lateinische Form des von den ersten beiden allgemeinen Konzilien zu Nicaea (32Ö) und Konstanlinopel (081) aufgestellten Symbolums. Darin die Worte: „Et iterum venturus est cum gloria judicare vivos et mortuos, cuius regni non erit finis ... et expecto resurrectionem mortuorum, et vitam venturi saecuü." 569