Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 1 (1925-1926)
- Issue
- Heft 5 (Dezember 1925)
- Article
- Urkirche und Judentum
- Date
- 1925-12-01
- Page
- 567 (sequence 19)
- Language
- German
- Belongs to
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Urkirche und Judentum heidnischer Abkunft war (GaL 2, 3). Dem Petrus „widerstand er ins Angesicht" (GaL 2, 11), als dieser durch seine Nachgiebigkeit an die Forderung der Judenchristen ein verwirrendes Beispiel gab und so „die Heiden zu zwingen" schien, „jüdisch zu leben" (GaL 2, i£). Er selber aber, als geborener Jude, liebt auch nach seiner Bekehrung zum Christentum noch den Tempel zu Jerusalem als Stätte des Gebetes (Apg. 22, 17), er macht noch auf einer seiner großen Missionsreisen ein Nasiräergelübde und läßt sich, nachdem die Gelübdezeit abgelaufen ist, die Haare scheren (Ap. 18, 18), fährt nach Jerusalem, um dort die Gelübdezeit abzuschließen, und nimmt noch für einige andere Nasiräer die Kosten auf sich, damit sie im Tempel die Haare scheren lassen und die Schlußopfer ihrer Gelübde darbringen können (Apg. 21, 2 4)- Wahrlich, er „wandelte in Beobachtung des Gesetzes" (Ebda.). Die Stellung des Paulus zum Judentum ist also diese: Weil in Christus die Erfüllung der Verheißungen, die Gerechtigkeit aus dem Glauben gekommen ist, so ist die Thora mit ihren Zeremonialbestimmungen, die nur Vorbereitung waren, nicht mehr Heilsbedingung, sondern etwas, was der geborene Jude auch als Christ fortführt, aber der Heidenchrist nicht Die Vorbereitimg ist vorbei: Die Erfüllung ist da. Wer es aJso zum Grundsatz machen will, daß die Zeremonialgesetze Verpflichtung sein sollen auch für den vom Heidentum gekommenen Christen, als ob nicht Christus, sondern die Thora das Heil bedinge, dem tritt Paulus entgegen, denn der verleugnet Christum. Aus diesen Grundsätzen heraus hat er den Galaterbrief geschrieben. Aber darum gestattet er umgekehrt den Heidenchristen auch keine Verachtung des Judenvolkes. Obwohl die Juden in ihrer Mehrheit die Heilsbotschaft nicht annehmen, sie bleiben doch das Volk, dem die Verheißungen gegeben waren und vor allem das Volk „aus dem Christus dem Fleische nach ist, er, der da ist Gott über alles, hochgelobt in Ewigkeit" (Rom 9, 5). Dieser Mahnung gibt er im Römerbrief Ausdruck. Es ist mir unbegreiflich, daß es Menschen gibt, die behaupten können, der Römerbrief habe etwas Antisemitisches an sich. Der Römerbrief ist der Kampfruf des Apostels gegenüber dem in heidenchristlichen Kreisen Roms beginnenden Antisemitismus. In heidenchristlichen Kreisen ist der Gedanke aufgekommen: die Juden haben die Heilslehre verworfen, darum sind sie verworfen. Deshalb schreibt Paulus den Römerbrief, gerade um den Heidenchristen zu zeigen, daß in Christus kein 567