Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 1 (1925-1926)
- Issue
- Heft 5 (Dezember 1925)
- Article
- Urkirche und Judentum
- Date
- 1925-12-01
- Page
- 561 (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/2895450-2895451-2895457-2896421--00665-2896490- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Urkirche und Judentum Selbst die Hagiographen, die Männer, die sie geschrieben haben, haben ihn nicht gesehen. Aber weil der Geist die Hagiographen inspiriert hat (2. Petr. 1, 21 und 2. Tim. 3, 16), so hat der Geist dafür gesorgt, daß die Gedanken und Erzählungen so geordnet wurden, daß sie jetzt, wo das Neue Testament, wo die Erfüllung in Christus da ist, als vorbildlich und hindeutend auf Christus verstaoden werden können, daß jetzt das Alte Testament förmlich eine Erkenntnisquelle geheimnisvoller Art wird für Christus und das Neue Testament So tritt die Kirche von Anfang an vor das zeitgenössische Judentum hin und erzählt ihm von einem Jesus von Nazareth, den die Zuhörer noch gekannt haben, den sie reden gehört haben, dessen Zeichen sie gesehen haben (Apg. 2, 22), von dem die jüdischen Propheten geweissagt haben, den die Zeitgenossen aber als religiösen Frevler gestraft haben. Und in mildem versöhnlichem Geist, wie der Gekreuzigte selbst gerufen hat: „Vater, vergib ihnen, sie wissen nicht was sie tun" (Lk. 23, 34), sagt auch Petrus zu den Juden: „Brüder, ihr habt den Urheber des Lebens getötet . . ., aber ich weiß, ihr habt es aus Unwissenheit getan" (Apg. 3, i5 und 17). Jetzt aber schließen wir euch den Sinn der Schrift auf: „Gott hat so erfüllt, was er durch den Mund aller Propheten vorhergesagt hat, daß sein Messias leiden werde" (Ebd. 3, 18). Von Anfang an gesellt sich also diese Aufschließung des Alten Testaments als eines geheimnisvollen Hinweises auf Christus in der Missionspredigt zu der erzählenden Verkündigung der Ereignisse des Lebens, Leidens und Sterbens Jesu. — Die Urgemeinde lebt und redet und wirbt Anhänger ganz in dem Bewußtsein, daß sie die legitime, durch Gott bezeugte Fortsetzung der Gottgewollten jüdischen Synagoge ist Kein Bruch mit dem Judentum, sondern Fortsetzung und Erfüllung ist ihr neues Glauben und Leben. Dazu kommt ein Weiteres, was uns verständlich macht, daß die Kirche von sich aus keine Trennung von der Synagoge und dem Tempel suchte: Die erste Gemeinde in Jerusalem setzte sich ausschließlich aus Juden zusammen, bis dann Petrus die ersten Heiden aufnahm, einen „gottesfürchtigen" Hauptmann und sein Haus in Cäsarea (Apg. 10.- 2 und 22), also einen nichtbeschnittenen Judenfreund, einen Proselyten, der nur noch nicht die letzten Konsequenzen gezogen hatte. Die Gemeinde nimmt zuerst Anstoß daran, so jüdisch denkt sie, und Petrus muß mit der Erzählung seiner Vision den Anstoß beseitigen (Apg. 11, 2 ff.). Der jüdische Charakter der Urgemeinde 56X