Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 1 (1925-1926)
- Issue
- Heft 5 (Dezember 1925)
- Article
- Urkirche und Judentum
- Date
- 1925-12-01
- Page
- 557 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Urkirche und Judentum Selbstverständlich besteht zwischen der Art, wie Jesus die Worte ausdeutet und als erfüllt verkündet, und zwischen der Art, wie sie uns in der jüdischen Frömmigkeit begegnen, noch immer ein großer Unterschied. Hier werden noch mit dem Gottesherrschaftsgedanken und mit dem Gedanken an den Davidsohn und Menschensohn neben den religiösen auch starke nationale und politische Hoffnungen verbunden. Jesus aber streift alles Nationale und Politische davon ab und gebraucht die Ausdrücke rein geistig und religiös. Hier wird noch eine Zeit der Vorbereitung und der bloßen Erwartung gelehrt Jesus aber sagt ganz bestimmt: „Das Reich Gottes ist wahrhaft zu euch gekommen" (Mth. 12, 28). Allerdings ist es im Anfangszustand gekommen, im Keime, der erst wachsen muß. Darum wird gesagt, daß dieses Reich Gottes aus dem Senfkörnlein zum wellüberschattenden Baum werden muß (Mth. i3, 3i), daß es noch viele Kämpfe zu bestehen hat, daß es Gewalt erleidet, und daß nur die, die Gewalt brauchen, es an sich reißen (Mth. 11, 12), daß es noch viele Verfolgungen durchmachen wird (Mth. 5, 12), bis dann auch in späterer Zeit, in einer fernen Zeit, über deren Gewißheit den Brüdern immer wieder gesagt wird: es weiß kein Mensch den Tag und die Stunde (Mth. 2 4, 44; 2 5, i3, Apg. 1,7) — bis es dann in dieser späteren Zeit zur Vollendung kommt Aber kei.mhaft und wesenhaft ist es jetzt schon gekommen. Die jüdische Messiaserwartung der damaligen Zeit kennt nur die traurige Gegenwart und die Hoffnung der kommenden Fülle des Gottesreiches. Bei Jesus ist die traurige Gegenwart jetzt schon erhellt von dem beginnenden neuen Zeitalter, ist die Erwartung schon erfüllt durch den gekommenen Messias, „was verdolmetscht heißt Christus" der Gesalbte (Jo. 1, 4i)> ist das gekommene Gottesreich schon wie ein Senfkorn in die Erde gelegt, um seine Erfüllung allerdings auch erst am jüngsten . Tage zu erleben, wenn der Menschensohn auf den Wolken des Himmels kommen wird (Mth. 24, 3o; Mk. i3, 26) — wenn da Christus den Anlichristus, den Widersacher, mit einem Hauch seines Mundes zerstreut haben wird (Mth. 24, 27; 1. Joh. 4, 4; 2. Thess. 2, 8). So ist es ganz sicher: der Inhalt der Predigten Jesu knüpft, obwohl er neues bringt, ganz kontinuierlich an die jüdische Frömmigkeit und Heilserwartung an, und auch die Form, wie Jesus zu den Seinigen gesprochen hat, ist, wie man aus Strack-Billerbeck sehen kann, wahrhaft jüdisch. In Gleichnissen spricht er und in Sinnsprüchen, wie die jüdischen Lehrer. Nur daß der Ein- 557 35*