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Der Morgen · 1925-12-01 · Heft 5 (Dezember 1925) · p. 556

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Journal
Der Morgen
Volume
1 (1925-1926)
Issue
Heft 5 (Dezember 1925)
Article
Urkirche und Judentum
Date
1925-12-01
Page
556 (sequence 8)
Language
German
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Engelbert Krebs „In ihm wohnt der Geist der Weisheit und der Einsicht, der Lehre und der Kraft" (Henoch c. 49). — Man denke an die Messianische Weissagung vom Reis aus der Wurzel Jesse, auf dem der siebenfache Geist des Herrn ruht (Isaj 11, 1—3). — „Er wird die verborgenen Dinge richten" und „die Umwandlung für die Heiligen und Auserwählten herbeiführen" (Henoch c. /»g und c. 5o). So wird die Gemeinde der Heiligen im Henochbuch hingewiesen auf den Menschensohn. Der Menschensohngedanke stammt also aus alter Zeit, der Zeil der großen Propheten, er kommt aus dem Danielbuch in das Denken des jüdischen Frommen. Aber wie lebendig er gerade in der Spätzeit ist, wird uns durch das Henochbuch erwiesen, das uns doch nur zufällig aus einer wahrscheinlich viel reicheren Literatur erhalten geblieben ist Und wie ich vorhin sagte, daß Christus an den Gedanken der „Königsherrschaft Gottes" anknüpfte, so sehen wir, daß er in der Zeit und vor dem Volke, in dem er auftrat, Grund hatte, auch anzuknüpfen an den Gedanken des „Menschensohns", der im Unterschied von den erdentstammten Tiergestalten „vom Himmel her" kommt als ein vorzeitlicher, bei Gott verborgener, aber in Menschengestalt unter den Menschen erscheinender Heiland. Wer die ganze Sehnsucht und die ganze Glut der Erwartung jener Tage kennen lernen will, der muß das vierte Buch Esra lesen, das erst gegen Ende des ersten Jahrhunderts unserer Zeilrechnung, also nach der Zerstörung des Tempels geschrieben ist Dort finden wir die Messianische Erwartung aufs höchste gespannt Ein heißes, ein ungestümes Verlangen ruft hier danach, daß Er komme, der Gesalbte, der Christus, der Sohn Gottes, der das neue Zeitalter und die Erweckung der Toten herbeiführt, damit der Höchste auf dem Richterthron erscheine. Wer diese Dinge kennt, die wie gesagt, doch nur zufällige Überreste einer wahrscheinlich viel reicheren Literatur aus dem Spätjudentum darstellen, der kann nicht mehr sagen, daß in Jesus ein Nichtjude aufgetreten ist; der sieht vielmehr, daß Jesus sich ganz und gar als der Erfüller jüdischer Sehnsucht, jüdischer Frömmigkeit, jüdischen Verlangens nach Erlösung gewußt hat Er hat den Ausdruck „Gottesherrschaft" nicht selbst gebildet, er hat den Ausdruck „Menschensohn" nicht selbst erfunden, er hat den Ausdruck „der Gesalbte" oder „Christus" nicht selbst geschaffen. Er hat diese Ausdrücke der Religiosität seiner jüdischen Vorfahren und Zeitgenossen entnommen, und hat sie als in Ihm erfüllt, ihnen gepredigt 556

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