Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 1 (1925-1926)
- Issue
- Heft 5 (Dezember 1925)
- Article
- Urkirche und Judentum
- Date
- 1925-12-01
- Page
- 553 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Urkirche und Judentum traktaten wird immer -wieder darüber gesprochen, daß das Schemabeten heißt: die Gottesherrschaft auf sich nehmen. Es sagt Rabbi Jehoschua ben Qarcha (um i5o n. Chr.): „Warum geht der Abschnitt ,Höre Israel' (DL 6, 4—9) dem Abschnitt ,Wenn ihr hören werdet' (DL 11, i3—21) vorauf? Damit man zuerst das Joch der Gottesherrschaft auf sich nehme, und hinterher das Joch der Gebote." Und von Rabban Gamaliel IL (um 190) wird erzählt, daß er in der ersten Nacht nach seiner Hochzeit das Schema gebetet habe. „Da sprachen seine Schüler zu ihm: Hast du uns nicht gelehrt, lieber Lehrer, daß ein Bräutigam in der ersten Nacht von dem Schemabeten befreit ist? Und er sagte: ich pflichte euch nicht bei, daß ich das Joch der Gottesherrschaft auch nur eine Stunde von mir abtun sollte." Also das Beten des Schema war die jeden Tag erneuerte persönliche Unterstellung des Juden unter die Gottesherrschaft, die auf dem Sinai das ganze Volk auf sich genommen hatte. Wie ernst der Einzelne das nahm, zeigt uns die Erzählung von Rabbi Akiba um i35 nach Christi GeburL Er wird von den Feinden zum Tode geführt und wird mit eisernen Kämmen an seinem Fleisch gefoltert, und während dieser Zeit fällt die Stunde des Schemabetens ein und „er nahm die Gottesherrschaft auf sich", das heißt, er betete in der Folterung das „Höre Israel". Seine Schüler sprachen: „Unser Lehrer, es ist genug". Er aber sprach: „Mein Leben lang habe ich mich wegen dieser Verse gesorgt: Liebe Gott von deiner ganzen Seele (DL 6, 5), das heißt: auch wenn er deine Seele nimmL Ich dachte: wann werde ich Gelegenheit haben, diesen Yers (des Schema-Gebetes) zu erfüllen? Und jetzt, da mir die Gelegenheit kommt, sollte ich ihn nicht erfüllen?" Dann sprach er das „Echad" („der Einzige", das Schlußwort des Gebetes, „Höre, Israel, der Herr dein Gott ist der einzige Gott"), so lang gedehnt aus, bis seine Seele ausging in dem Hauche dieses Wortes. Und dann erscholl eine Stimme aus dem Himmel: „Selig ist Rabbi Akiba, weil er beim Echad seine Seele ausgehaucht hat". — Heute noch stirbt der fromme Jude mit dem Worte Echad auf den Lippen. So alt und so jung ist der Gottesherrschaftsgedanke in der spätjüdischen Zeil, in der Geburtszeit der christlichen Kirche, so tief ist der Reich-Gottesgedanke eingegraben in die jüdische Seele. Gewiß, es spielt der Gedanke von der Königsherrschaft Gottes nicht die vordergründige Rolle in der Lehre des Talmud, wie im Neuen TestamenL Es findet sich dieser Ausdruck nicht in der häufigen Wiederholung dort, wie 553