Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 1 (1925-1926)
- Issue
- Heft 5 (Dezember 1925)
- Article
- Bemerkungen zu zwei Büchern
- Date
- 1925-12-01
- Page
- 547 (sequence 5)
- Language
- German
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Bemerkungen zu zwei Büchern Ziehungen zum Patriotismus und Fascismus. Die Schrift enthält weit mehr als der Titel verspricht Sie schildert den Wandel der politischen und kulturellen Kräfte Italiens während des 19. Jahrhunderts. Der Leser lernt die Politik Italiens von innen her kennen. Ich habe selten aus einem Buche von 33o Seiten eine solche Fülle der Belehrungen empfangen . Michels' Sachkenntnis der deutschen und französischen Verhältnisse ermöglicht es ihm, das Besondere und Einzigartige der italienischen Welt deutlich hervortreten zu lassen. Der geschulte Soziologe stellt aus dem Wirrwarr der Tatsachen die inneren Gesetzmäßigkeiten im Ablauf der Ereignisse heraus. Das ruhig abwägende Urteil hält sich von voreiligen Schlüssen fern. Dem Spruch der Geschichte wird nicht vorgegriffen. Für eine spätere Auflage wäre zu wünschen, daß lange italienische Zitate verdeutscht werden. An mehreren Stellen seines Buches kommt Michels auch auf die italienischen Juden — es gibt deren 5oooo — zu sprechen. Im Jahre 1909 entstand neben dem alten Irredentismus der junge Nationalismus. „Wie bei allen nationalistischen Bestrebungen fehlte auch an der Spitze der italienischen Nationalisten das jüdische Element nicht" Es fehlt aber auch nicht im Sozialismus und im Fascismus. Als die Arbeiter August 1920 die Fabriken besetzt hatten und sich schließlich zu Verhandlungen mit den Industriellen anschicken mußten, konnte man1 feststellen, daß bei diesen Verhandlungen beide Parteien durch Juden vertreten waren. Michels faßt sein Urteil über die italienischen Juden und über die Juden im allgemeinen in folgenden Sätzen zusammen: „Vielleicht liefert das eingehende Studium der Judenfrage überhaupt kein anderes Resultat, als das, daß die Juden alles können, d. h. daß ihre geistige Beweglichkeit, ihr ausgesprochenes Talent in rebus politicis, sowie ihr weltumspannender Ehrgeiz sie dazu antreiben, sich an die Spitze aller Bewegungen und Strömungen zu stellen... Es gibt eben schlechterdings nichts in der Welt, das ohne Juden vor sich geht Daran werden sich die Antisemiten wie die Philosemiten unter den Historikern gewöhnen müssen". (S. 291.) An diesem Urteil ist mehreres bemerkenswert: Michels hat es aufgegeben, in der bisherigen Weise einen Typus zu konstruieren, der so und so viele Aufnahmen zeigt Angesichts der Tatsachen ruft er — ich möchte fast sagen verzweifelt — aus: die Juden können alles! Daß er damit eigentlich eine Selbstverständlichkeit ausspricht, kommt ihm gar nicht zum Bewußtsein. 547