Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 1 (1925-1926)
- Issue
- Heft 5 (Dezember 1925)
- Article
- Bemerkungen zu zwei Büchern
- Date
- 1925-12-01
- Page
- 544 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Julius Goldstein Diese in ihrer Allgemeinheit recht problematischen Sätze glaubt Vierkandt an dem Verhalten der heutigen Juden beweisen zu können, indem er fortfährt: „Dieser Gegensatz läßt sich noch heute bei den innerhalb der arischen Kultur zerstreuten Juden beobachten, in der Gestalt der Tatsache, daß fast nie ein Jude solche Berufsarten, wie die des Technikers oder Chirurgen wählt, die ihn in eine enge Berührung mit der Körperwelt bringen würde." Ein Kommentar erübrigt sich wohl. — Fehlte dem 18. Jahrhundert der Sinn für das Eigen-Geartete historisch geformter Typen, so hat das 19. und 20. Jahrhundert an Verständnis für das Allgemein-Menschliche stark eingebüßt, so bald es sich um Juden handelt. GeDerationen von jüdischen und christlichen Schriftstellern mühten sich ab, in immer zugespitzteren Formeln das Bild des Juden zu zeichnen. So ist eine Literatur entstanden, die ihre Vorwürfe weniger von der Wirklichkeit als von der Tradition literarisch schon ausgeformter Urteile empfängt Es bildeten sich aufdringliche Cliches über das Wesen des Juden, vergleichbar den typisierenden Zeichnungen der Reklamekünsller. Auch die Wissenschaftler konnten sich den stetig wiederkehrenden Eindrücken dieser Clicheliteratur nicht entziehen. Aber als Wissenschaftler konnten sie nicht achtlos an den Ausnahmen vorbeigehen, die nicht hineinpaßten in das typisierte Bild. So geschah und geschieht denn immer das gleiche: es wird in wissenschaftlichen Werken der clichehafte Typus des Juden entworfen, und dann werden später Ausnahmen konstatiert, ohne daß dem Verfasser der Gedanke kommt, ob nicht diese Ausnahmen unvereinbar mit seinem typisierenden Grundschema seien. Man spürt manchmal die Verzweiflung der Autoren, daß die Wirklichkeit sich nicht mit der traditionellen und bequemen Formel erfassen lasse. Daher haben die meisten volkspsychologischen Charakteristiken der Juden die Form des Echternacher Wallfahrtsschrittes: Zwei Schritte vorwärts und einen Schritt zurück. Zwei, allgemeine Behauptungen werden vorgerückt — die dritte Behauptung rückt wieder, Ausnahmen feststellend, einen Schritt zurück. — Wilhelm Sauer, ordentlicher Professor der Rechtswissenschaft an der Universität Königsberg, hat ein weit angelegtes Werk: „Grundlagen der Gesellschaft, eine Rechts-, Staats- und Sozialphilosophie"1), verfaßt Es ist hier nicht der Ort, über den wissenschaftlichen Wert dieses Werkes sich auszulassen In dem vorliegenden Zusammenhange interessiert nur die J) Dr. Walther Rothschild, Berlin-Grunewald 1924. 5o6 Seiten. 544