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Der Morgen · 1925-12-01 · Heft 5 (Dezember 1925) · p. 539

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Journal
Der Morgen
Volume
1 (1925-1926)
Issue
Heft 5 (Dezember 1925)
Article
Unsterblichkeit
Date
1925-12-01
Page
539 (sequence 15)
Language
German
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Unsterblichkeit in Bausch und Bogen „Heiden" and damit empfanden unsere Vorfahren eine große Freude hei dem Gedanken, daß der Schöpfer sie alle zum Heizmaterial für das Hollenfeuer bestimmt hatte. Unsere Kultur hat uns in diesem Punkte etwas menschlicher gemacht; aber als unsere Kameraden in den Gefilden des Himmels können wir sie uns immer noch nicht vorstellen. Wir haben gewissermaßen keine Verwendung für sie, und der Gedanke an ihr Weiterleben bedrückt uns. Nehmen Sie als Beispiel all die Millionen von Chinesen. Wer von Ihnen empfindet die Berechtigung ihrer Fortdauer in unverminderter Zahl? Sicherlich nicht Einer. Höchstens werden Sie ein paar ausgewählte Exemplare am Leben zu erhalten wünschen, als Repräsentanten einer interessanten und merkwürdigen Menschengattung; was aber den Rest angeht, der in so übergroßen Massen daherkommt, und den Sie sich überhaupt nur in dieser abstrakt summarischen Weise als eine große Masse vorstellen können, so sind Sie sicher, daß die Einzelnen keinen persönlichen Wert besitzen. Gott selbst, meinen Sie, könne sie nicht gebrauchen. Die Unsterblichkeit jedes Einzelnen müßte für ihn und das Universum eine ebenso unerträgliche Last sein wie für Sie. So enden Sie in Bezug auf die ganze Frage in einem geistigen Schiffbruch, und lassen sich treiben; erst zweifeln Sie an der Unsterblichkeit der Masse, dann verlieren Sie jede Sicherheit in Bezug auf Fortexistena der eignen Person, so sehr Sie doch das unzerstörbar Wertvolle in ihr empfinden. Ich bin sicher, damit die Geisteshaltung Vieler von Ihnen bezeichnet zu haben. Aber ist eine solche Haltung nicht die Folge einer mangelnden und dürren Phantasie? Sie nehmen diese Schwärme fremder Menschenbrüder nur als das, was sie für Sie sind: ein verworrenes Gewimmel, das sich auf Ihrer Retina abmalt, bedrückend durch seine Unübersehbarkeit und durch sein Durcheinander. Wie sie für Sie sich darstellen, so, meinen Sie, müßten sie auch an sich sein. Für mich sind sie bedeutungslos, sagen Sie, also sind sie an sich bedeutungslos. Derweil haben sie doch, ganz unabhängig von dem äußeren Bild, in dem sie für Sie reale Gestalt gewinnen, ihre eigene Realität für sich selbst in ihrer eigentümlichen Innenwelt, voll heftigsten Lebensdranges. Es sind Sie, die tot sind, tot wie ein Stein, und blind und gefühllos in Ihrer Art, die Dinge zu betrachten. Ihre Augen sehen ein Bild, dessen eigentliche Bedeutung Ihnen entgeht Jedes dieser sonderbaren, vielleicht auch abstoßenden Wesen ist von einer inneren Lebensfreude beseelt, so heiß, vielleicht heißer, als Sie sie in der eigenen Brust fühlen. Auch für sie geht die 539 34

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