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Der Morgen · 1925-12-01 · Heft 5 (Dezember 1925) · p. 538

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Journal
Der Morgen
Volume
1 (1925-1926)
Issue
Heft 5 (Dezember 1925)
Article
Unsterblichkeit
Date
1925-12-01
Page
538 (sequence 14)
Language
German
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William James nur Mühe und Leiden hienieden und zuletzt einen Tod wie die Tiere bescherte — dieser Gedanke ist zu absurd, als daß wir ihn ernst nehmen könnten. Nein, vielmehr gerade die Tiere, die wilden wenigstens, führen allezeit dies heroische Leben. Und ein moderner Geist, ergriffen von der Vision einer alles Lebendige verbindenden Evolution, wird sogar zögern, den Trennungsstrich selbst beim Menschen zu ziehen. Wenn einige Geschöpfe weiterleben, warum nicht alle? Warum nicht die stummen Tiere? So verlangt der Glaube an Unsterblichkeit, wenn wir uns ihm hingeben, heute von uns die Ausdehnung auf so ungeheuer viele Wesen, daß unsere Phantasie Schwindel überfällt und unser persönliches Empfinden davor zurückschreckt, sich zur Höhe dieses Gedankens zu erheben. Die Annahme, zu der wir getrieben werden, ist zu ungeheuerlich, und ehe wir diese Folgerung zugeben, sind wir geneigt, die Voraussetzung selbst fallen zu lassen. Lieber geben wir unsere eigene Unsterblichkeit auf, als daß wir uns zu dem Glauben an eine Unsterblichkeit bekennen, die wir mit allen Hottentotten und Austrainegern, die je waren und je sein werden, in saecula saeculorum sollten teilen müssen. Gewiß, das Leben ist ein hohes Gut — aber doch nur, wenn seine Fülle nicht alles überflutet Wir meinen, der Himmel selbst und die kosmischen Räume und Zeiten müßten sich vor dem Gedanken entsetzen, eine solche immerfort anschwellende Masse in alle Ewigkeit aufnehmen zu sollen. Ich habe das sichere Gefühl, daß Viele, vielleicht die meisten von Ihnen, die hier als Hörer vor mir sitzen, in diesen Dingen ebenso empfinden, wie ich es als Schüler der wissenschaftlichen Kultur unserer Tage tue. Ich bin aber auch zu der Einsicht gelangt, daß in diesem Empfinden eine furchtbare Täuschung steckt, und da die Erkenntnis dieser Täuschung meinen eigenen Geist wieder frei gemacht hat, so fühlte ich, daß ich Ihnen, meinen Hörern, heute Abend einen Dienst erweisen würde, wenn ich Ihnen zeige, wo der Fehler liegt. Es ist eine offenkundige Täuschung und das Wunderbare ist nur, daß nicht alle Welt sie durchschaut Sie ist nur das Ergebnis einer unbesiegbaren Blindheit, an der wir leiden, einem Unverständnis für den inneren Wert fremden Lebens und einer Eitelkeit, die unsere eigene Unfähigkeit in den weiten Kosmos hineinprojiziert und den Willen des Absoluten an unseren eignen kleinen Bedürfnissen mißt. Unsere christlichen Vorfahren wurden mit dem Problem leichter fertig als wir. Wir leiden an einem Mangel an Mitgefühl, an Sympathie für diese uns fremden Wesen; sie aber hatten einen ausgesprochenen Widerwillen, eine Verachtung für alle jene Kreaturen und legten naiver Weise der Gottheit denselben Widerwillen bei. Sie waren eben 538

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