Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 1 (1925-1926)
- Issue
- Heft 5 (Dezember 1925)
- Article
- Unsterblichkeit
- Date
- 1925-12-01
- Page
- 537 (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/2895450-2895451-2895457-2896419--00639-2896466- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Unsterblichkeit Aber mit unserer Generation sind ganz andre Größenvorstellungen über unsere abendländische Welt gekommen. Die Entwicklungslehre verlangt von uns ganz andre Maßstäbe für Raum, Zeit und Zahl im kosmischen Prozeß, als unsere Voreltern es sich träumen ließen. Die Geschichte der Menschheit wächst allmählich aus der der Tierwelt heraus und geht in ihren Anfängen vielleicht bis auf die Tertiärepoche zurück. Daraus hat sich allmählich anstatt der alten aristokratischen eine demokratische Vorstellung von der Unsterblichkeit entwickelt Denn mag auf der einen Seite unser Denken ein wenig zynisch geworden sein, so hat doch auf der anderen Seite durch die Weitsicht der Entwicklungslehre unser Mitgefühl an Weite gewonnen. Bein von unserm Bein und Fleisch von unserm Fleisch sind diese unsere halbtierischen vorgeschichtlichen Brüder. Gleich uns umschlossen von dem ungeheueren Dunkel dieses geheimnisvollen Weltalls wurden sie geboren und starben, litten und kämpften sie. Furchtbaren Verbrechen und Leidenschaften anheimgegeben, in der schwärzesten Unwissenheit versunken, geschreckt von häßlichen und grotesken Wahnvorstellungen, dienten sie doch unentwegt dem tiefsten der Ideale, in ihrem festen Glauben, daß das Dasein in irgend einer Form besser sei als das Nichtsein, und retteten triumphierend aus dem Rachen der ewigen Zerstörung die Fackel des Lebens, die dank ihnen jetzt die Welt für uns erhellt Wahrlich, wie unbedeutend erscheinen uns die individuellen Unterschiede, wenn wir auf diese überwältigende Zahl von menschlichen Wesen zurückblicken, die unter dem Druck jenes Lebenswillens keuchten und rangen! Und wie unwesentlich muß in den. Augen Gottes das kleine Mehlder individuellen Leistung sein, das doch weggeschwemmt wird von dem weiten Ozean der Leistung der Menschheit im Ganzen, die stumm und unentwegt ihre höchste Pflicht erfüllt in einem heroischen Lebenslauf! Demut und Ehrfurcht ergreift uns, wenn wir dies gewaltige Schauspiel betrachten. Nicht unsere unterschiedlichen Verdienste und Vorzüge — das fühlen wir dann — sondern unser aller Erbteil von der Tierwelt her: die Geduld im Ertragen von Leiden und Mühen, sie muß uns Gnade finden lassen vor den Augen der Gottheit. Ein ungeheures Mitleid und ein Gefühl der Verwandtschaft füllt unser Herz. Eine Unsterblichkeit, von der diese unbegreiflichen Billionen von Mitstreitern ausgeschlossen sein sollten, wird ein widersinniger Gedanke für uns. Daß Gaben persönlicher Kultur oder höhere religiöse Vorstellungen zwischen uns und unseren Genossen beim Festmahl des Lebens einen so tiefgehenden Unterschied begründen sollten, der uns ein ewiges Leben sicherte und jenen 537