Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 1 (1925-1926)
- Issue
- Heft 5 (Dezember 1925)
- Article
- Unsterblichkeit
- Date
- 1925-12-01
- Page
- 536 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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William James Negation", wie die Philosophen sagen, so würde das voll beweisen, daß der Verlust einiger speziellen Bestimmtheiten, auf die das Gehirn unser Bewußtsein einschränkt, nicht in jeder Hinsicht zu bedauern wäre. Aber in die Betrachtung dieser höheren und transzendenten Dinge möchte ich bei dieser Gelegenheit nicht eintreten, sondern für den Rest der Stunde mich zu meinem zweiten Punkt wenden. Fragmentarisch und mehr negativ als positiv ist auch dieser, wie der erste Teil. Nehmen wir sie aber beide zusammen, so geben sie unserem Glauben an Unsterblichkeit einen freieren Schwung. Dieser zweite Punkt bezieht sich auf die unglaublich und unerträglich große Zahl von Wesen, denen nach unserer modernen Auffassung Unsterblichkeit zugeschrieben werden muß, wenn es eine solche gibt Ich möchte vermuten, daß für viele unter meinen jetzigen Zuhörern auch hier ein Stein des Anstoßes liegt, den ich gerne beseitigen möchte. Die Veränderung unserer Größenbegriffe, die modernen wissenschaftlichen Theorien und das durch sie veränderte sittliche Bewußtsein haben für unser Problem neue Schwierigkeiten geschaffen. Für unsere Vorfahren war diese Welt klein und — mit unseren modernen Vorstellungen verglichen — eine gemütliche Angelegenheit Sie bestand seit höchstens 6000 Jahren. In ihrer Geschichte nahmen ein paar Helden der Menschheit, Könige, Kirchenväter und Heilige den ganzen Vordergrund ein; mit ihrer Bedeutung und ihren Verdiensten nahmen sie die Aufmerksamkeit so gefangen, daß nicht nur sie, sondern auch alle, die ihnen nahe standen, von einem Glanz umflossen schienen, den, unserer Meinung nach, auch die Allmacht selbst anerkennen und respektieren mußte. Diese hervorragenden Persönlichkeiten und ihr Anhang bildeten den Kern in der Schar der Unsterblichen; die minderen Helden und die Heiligen zweiter Ordnung kamen dann, und die Leute ohne besondere Auszeichnung füllten die Lücken und den Hinlergrund aus. Die ganze Szenerie der Ewigkeit wirkte auf die Phantasie der Gläubigen nie als eine überwältigend große oder unbehaglich überfüllte Bühne (wenigstens soweit der Himmel und nicht die Hölle in Frage kam). Man könnte das eine aristokratische Unsterblichkeitsvorstellung nennen; die Unsterblichen — ich spreche nur vom Himmel, die Unsterblichkeit in der Qual braucht uns hier nicht zu beschäftigen — waren immer eine Elite, eine auserwählte und leicht zu übersehende Anzahl. 536