Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 1 (1925-1926)
- Issue
- Heft 5 (Dezember 1925)
- Article
- Unsterblichkeit
- Date
- 1925-12-01
- Page
- 535 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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Unsterblichkeit lungen der Lehre vom Zusammenhang von Leib und Seele nie ganz verschwunden, aber auch niemals in voller Ausführlichkeit entwickelt worden ist In dem Hauptstrom der orthodoxen philosophischen Tradition wird der Körper als eine Wesensbedingung des seelischen Lebens in dieser Welt der Sinneswahrnehmung behandelt, nach dem Tode aber, sagt man, wird die Seele frei und zu einem rein intellektuellen und begierdelosen Wesen. Kant drückt diesen Gedanken in Wendungen aus, die unserer Transmissionstheorie außerordentlich nahe kommen. Der Tod des Körpers, sagt er, mag in der Tat das Ende unseres an die Sinne gebundenen, aber zugleich der Anfang der von den Sinnen freien Betätigung unseres Geistes sein. „Der Körper", fährt er fort, „wäre also nicht die Ursache des Denkens, sondern eine bloß restringierende Bedingung desselben, mithin zwar als Beförderung des sinnlichen und animalischen, aber desto mehr auch als Hindernis des reinen und spirituellen Lebens anzusehen." Und in einem neueren Buch von großer Emdringlichkeit und Kraft, das weniger bekannt ist als es verdiente — ich meine die „Rätsel der Sphinx" von F. G. S. Schiller in Oxford, früher an der Cornell-Universität — wird die Transmissionsthorie mit einiger Ausführlichkeit begründet1) Nun werden Sie aber noch die weitere Frage stellen, in welcher positiven Form denn die Unsterblichkeit uns durch diese Theorie nahe gelegt wird? Was wir alle erhalten sehen möchten, ist doch gerade dieses umgrenzte Individuum, diese nur uns zugehörigen Neigungen und Eigentümlichkeiten, die unser Ich für uns und Andre bestimmen, die die Identität unserer Person ausmachen. Ihre Begrenztheit scheint gerade das Wesen unserer Persönlichkeit zu sein, und wenn nun das begrenzende Organ wegfällt, unser Geist damit zu seinem Urquell zurückkehrt und damit in jenem grenzenlosen Ganzen aufgeht, wird dann noch etwas da sein wie dieser warme Gefühlsstrom, den wir kennen und den doch eben unser Gehirn aus dem einen großen Reservoir zu unserer Freude hier auf Erden schöpft? Solche Fragen sind wahrlich Lebensfragen, und sie müssen ernsthaft erörtert werden von den künftigen Vertretern der Ingersoll-Vorlesung. Ich für meinen Teil hoffe, daß mehr als einer von ihnen tiefer eindringen wird in die Frage der persönlichen Unsterblichkeit, um uns zu sagen, wieviel wir verlieren und wieviel wir vielleicht auch gewinnen, wenn die Grenzlinien unseres Ich verschwinden. Ist „alle Determination!) Riddles of the Sphinx, A Study in the Philosophy of Evolution by F. CS. Schiller, Instructor in Logic and Metaphysics at Cornell University. Second Edition London i8g4- 535