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Der Morgen · 1925-12-01 · Heft 5 (Dezember 1925) · p. 531

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Journal
Der Morgen
Volume
1 (1925-1926)
Issue
Heft 5 (Dezember 1925)
Article
Unsterblichkeit
Date
1925-12-01
Page
531 (sequence 7)
Language
German
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Unsterblichkeit sehr abstrakt war, wird es ihrer Wirkung zu Hilfe kommen, wenn ich in ein paar Worten noch auf die konkrete Lage der Dinge zu sprechen komme. Alle abstrakten Hypothesen klingen unwirklich; und der abstrakte Gedanke, daß unser Gehirn gleichsam eine farbige Linse in der Mauer der Natur sei, die Licht aus einer überweltlichen Quelle zuläßt, es aber zugleich färbt und dämpft, hat einen durchaus phantastischen Klang. Ist das nicht, werden Sie fragen, nur eine törichte Metapher? Ist die gewöhnliche materialistische Vorstellung nicht viel einfacher? Ist das Bewußtsein nicht in Wahrheit viel eher eine Art von Dampf oder Duft oder Elektrizität, oder einer Nervenreizung vergleichbar, die an Ort und Stelle in ihrem Gefäß oder Organ erzeugt wird? Ist es nicht vom Standpunkt der strengen Wissenschaft aus richtiger, die Funktion des Gehirns als eine produktive Funktion zu behandeln? Darauf ist sofort zu antworten, daß, wenn wir streng wissenschaftlich sprechen, Funktion nichts anderes als das Bestehen einer abhängigen Veränderung bedeutet Wenn die Hirntätigkeit eine Änderung erfährt, so ändert sich auch das Bewußtsein; vollzieht sich ein Vorgang im Hinterhauptlappen, so sieht das Bewußtsein Gegenstände; findet ein Vorgang im Stirnlappen statt, so spricht das Bewußtsein zu sich selbst; hören jene Vorgänge auf, so verfällt das Bewußtsein in Schlaf. Im Sinn strenger Wissenschaft können wir nur die bloße Tatsache eines Bedingungsverhältnisses konstatieren, alle darüber hinausgehenden Behauptungen über die Art dieses Bedingtseins, ob in der Weise der Produktion oder Transmission, sind reine Hypothesen, und zwar metaphysische Hypothesen, denn wir können uns von der einen Art so wenig einen deutlichen Begriff machen wie von der anderen. Verlangen Sie von der Wissenschaft eine exakte Beschreibung des Vorgangs der Produktion oder der Transmission, so muß sie Ihnen gestehen, daß hier ihre Vorstellungskraft versagt Sie hat bisher nicht den leisesten Schimmer einer Vermutung zu bieten — nicht einmal einen schlechten Vergleich oder ein metaphysisches Bild. „Ignoramus, ignorabimus" werden die meisten Physiologen mit dem Worte eines der ihren sagen. Die Erzeugung von Bewußtsein im Gehirn, werden sie mit dem verstorbenen Berliner Professor der Physiologie antworten, ist das absolute Welträtsel, etwas scMechthin Paradoxes und Abnormes, ein Stein des Anstoßes in der Natur, fast ein Widerspruch in sich. Von der Art, wie der Dampf in einem Teekessel entsteht, können wir uns eine gewisse Vorstellung machen, denn Wasser und Dampf sind physikalisch homogene Dinge; es Hegt die Annahme nahe, daß hier nur eine Veränderung der Molekularbewegungen vor sich 531

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