Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 1 (1925-1926)
- Issue
- Heft 5 (Dezember 1925)
- Article
- Unsterblichkeit
- Date
- 1925-12-01
- Page
- 530 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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William James ihren Eintritt regeln und sie in den Klang meiner Stimme wandeln, so wird die eigentliche Wirklichkeit, das seelische Leben in seiner wahren Fülle, durch das Medium unseres Gehirns in dieser Welt gebrochen erscheinen — in allen jenen beschränkten Formen und mit allen jenen Unvollkommenheiten und Eigenheiten, die für unsere begrenzte Individualitat hier charakteristisch sind. Je nach dem Zustand, in dem das Gehirn selbst sich befindet, wird die Schranke, die es darstellt, sich heben oder senken. Sie fällt dahin, wenn das Gehirn, so wollen wir weiter annehmen, in voller Tätigkeit ist; dann überflutet uns gleichsam ein Strom geistiger Energie. Zu anderen Zeiten, im tiefen Schlaf etwa, erlaubt sie nur gelegentlichen Gedankenwellen den Zutritt Und wenn das Geliirn endlich ganz aufhört zu arbeiten, wenn es stirbt, so ist der besondere Bewußtseinsstrom, den es übermittelte, aus dieser unserer Welt ganz verschwunden. Aber die Sphäre des Seins, aus der dies Bewußtsein stammte, ist nach wie vor unversehrt; und in jener realen Welt, mit der es ja auch in seinem diesseitigen Dasein in unmittelbarer Beziehung stand, mag unser Bewußtsein in einer uns unbekannten Weise weiterexistieren. Sie sehen, daß unter diesen Voraussetzungen unser seelisches Leben, wie wir es hier kennen, nichtsdestoweniger im strengen Wortsinn eine Funktion des Gehirns wäre. Das Gehirn würde die unabhängige Variable sein, das Bewußtsein abhängig von ihm sich wandeln. Aber solche Abhängigkeit vom Gehirn für dieses Leben in der Natur würde in keiner Weise ein unsterbliches Leben unmöglich machen — sie wäre durchaus verträglich mit einem übernatürlichen Leben jenseits des Schleiers. Wie ich sagte, ist also jene unheilvolle Folgerung, die der Materialismus zieht, nicht zwingend, sondern sie beruht nur auf einer einseitigen Fassung des Wortes „Funktion". Und ob wir uns nun Unsterblichkeit wünschen oder nicht, sollten wir jedenfalls als Kritiker für das Recht des menschlichen Denkens eintreten, sich auch auf solchen Wegen zu ergehen, gegenüber einer falschen Logik, die ihr das untersagen will, weil sie die eine Seite einer möglichen Alternative übersieht. Und wieviel mehr müßten wir als treue Freunde der Wahrheit für sie eintreten, wenn das Verbot sich auf eine so vitale Hoffnung der Menschheit bezieht! Streng genommen ist damit dem Gehirn-Materialismus der Giftzahn ausgebrochen. Meine Worte sollten daher schon eine „auslösende Funktion" auf Ihre Hoffnung ausüben. Sie dürfen fortan glauben, ob sie nun von dieser Erlaubnis Gebrauch machen oder nicht. Aber da meine Beweisführung 530