Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 1 (1925-1926)
- Issue
- Heft 5 (Dezember 1925)
- Article
- Unsterblichkeit
- Date
- 1925-12-01
- Page
- 529 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Unsterblichkeit Orgel selbst, im Unterschied zum Luftbehälter, ist nur ein Apparat, um die Luft in diesen bestimmten Formen in die Umgebung hinauszusenden. Nun ist meine These die folgende: Wenn wir das Bewußtsein eine Funktion des Gehirns nennen, so dürfen wir dabei nicht nur an die Funktion des Hervorbringens denken, sondern müssen auch die des Auslösens und Durchlassens in Betracht ziehen. Das übersieht die übliche physiologische Psychologie. Nehmen wir z. B. einmal an, daß das ganze Universum der materiellen Dinge, alles, was wir auf der Erde und am Himmel sehen, nur ein oberflächlicher Schleier von Phänomenen sei, hinter dem erst die Welt der wahren Wirklichkeit sich vor uns verbirgt Ein solcher Gedanke ist weder dem naiven Bewußtsein noch der Philosophie fremd.. Das naive Bewußtsein glaubt sogar nur allzu abergläubisch an die Realitäten hinter dem Schleier; und die idealistische Philosophie erklärt die ganze Welt der natürlichen Erfahrung, wie sie uns gegeben ist, für eine bloße Zeitmaske,, die die eine unendliche „Idee", die einzige wahre Realität, in jene Millionen endlicher Bewußtseinsströme zerteilt, die wir als unser und der anderen „Ich" kennen. „Gleich einem Dom aus farb'gem Glas verleiht das Leben Dem weißen Strahlenglanz der Ewigkeit die Farbe." Nehmen wir nun an, es wäre wirklich so, und nehmen wir weiter an, der Dom, sonst überall undurchlässig für die über-irdische Lichtflut, werde an gewissen Stellen und zu gewissen Zeiten ein wenig durchsichtig und lasse einzelne Strahlen in diese sublunarische Welt eindringen. Diese Strahlen würden sozusagen ebensoviele endliche Bewußtseinsstrahlen sein, und sie würden nach Quantität und Qualität mit der Dichtigkeit variieren. Nur zu bestimmten Zeiten und an bestimmten Stellen würde der Schleier der Natur so dünn und zerreißbar werden, daß solche Wirkungen eintreten könnten. Aber an solchen Stellen wird uns dann, wenn auch noch so eng umgrenzt und unbefriedigend, von Zeit zu Zeit ein Stück des absoluten Lebens des Universums zuteil. Ein Glühen des Gefühls, ein Augenblick der Schau, ein Strom von Erkenntnis und Empfindung dringt in unsere begrenzte Welt Nehmen Sie nun an, unser Gehirn sei eine solche dünne und halbdurchsichtige Stelle im Schleier. Was wird geschehen? Nun, wie das weiße Strahlenlicht durch den Dom fällt, vom Glase in mannigfachen Farben und Formen gebrochen, oder wie die Luft jetzt durch meine Luftröhre strömt, in der Starke und Art ihrer Strömungen bestimmt durch die Stimmbänder, die 529