Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 1 (1925-1926)
- Issue
- Heft 5 (Dezember 1925)
- Article
- Unsterblichkeit
- Date
- 1925-12-01
- Page
- 528 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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William James Arten solcher Abhängigkeit es denn gibt, erkennen wir gleich, daß es zum mindesten eine Art gibt, die ein künftiges Leben keineswegs ausschließt Die fatale Schlußfolgerung des Physiologen ergibt sich nur, weil er von einer bestimmten anderen Form funktioneller Abhängigkeit ausgeht und diese für die einzig mögliche hält Wenn der Physiologe, der auf dem Standpunkt steht, daß seine Wissenschaft alle Hoffnung auf Unsterblichkeit zunichte macht, den Satz ausspricht: „Bewußtsein ist eine Funktion des Gehirns", so meint er dasselbe, wie wenn er sagt, „der Dampf ist eine Funktion des Teekessels", „Licht ist eine Funktion des elektrischen Stroms", „die Kraft ist eine Funktion des Wasserfalles". In diesen Fällen besteht das Funktionieren jener materiellen Objekte darin, daß sie das von ihnen Abhängige in sich erzeugen oder hervorbringen: die hier in Frage kommende Funktion muß als eine produktive Funktion .bezeichnet werden. So, meint man, müßte es auch mit dem Gehirn sein. Es bringe in seinem Inneren Bewußtsein hervor, wie Cholesterin oder Greatin oder Kohlensäuie, seine Beziehung zu unserem seelischen Leben müsse also unter den Begriff der „produktiven Funktion" fallen. Wäre die Sache so zu fassen, dann könnte in der Tat mit dem Zerfall des Organs auch die „Funktion" nicht länger dauern, die Seele müßte sicherlich mit dem Gehirn sterben. Aber in der physikalischen Natur ist diese produktive Funktion durchaus nicht die einzige uns bekannte Funktion. Wir kennen auch eine „auslösende" (releasing or permissive) und eine Funktion, die in einem „Durchlassen" besteht (transmissive Funktion). Der Drücker einer Armbrust hat eine auslösende Funktion. Er hebt das Hindernis auf, das die Sehne festhält und läßt den Bogen in seine ursprüngliche Form zurückschnellen. Ebenso, wenn der Hammer auf eine explosive Mischung fällt Er schlägt die inneren molekularen Bindungen heraus, so daß die Gase ihren normalen Umfang annehmen, und löst damit die Explosion aus. Ein gefärbtes Glas, ein Prisma, oder eine strahlenbrechende Linse liefert uns Beispiele der „durchlassenden" Funktion. Der Lichtstrahl, der irgend woher stammt, wird durch das Glas auf eine bestimmte Farbe beschränkt, oder zerlegt, oder durch die Linse in einen bestimmten Weg gezwungen. Ähnlich haben auch die Tasten einer Orgel nur eine transmissive Funktion. Die Stimmen der verschiedenen Pfeifen entstehen durch die hindurchstreichenden schwingenden Luftsäulen. Aber die Luft wird nicht in der Orgel hervorgebracht Die 528