Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 1 (1925-1926)
- Issue
- Heft 5 (Dezember 1925)
- Article
- Unsterblichkeit
- Date
- 1925-12-01
- Page
- 527 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Unsterblichkeit Theosophen und Spiritisten sich dagegen wehren und so sprechen, als ob geistige Phänomene als unabhängige Variable in der Welt existieren könnten. Für den Zweck meiner Überlegungen nun möchte ich jene Lehre als schlechthin sichergestellt und ohne Einschränkung annehmen. Während dieser Stunde bitte ich Sie also, wie Sie auch persönlich darüber denken mögen, mit mir jenes psycho-physiologische Grundgesetz als wahr zu unterstellen: Das Bewußtsein ist eine Funktion des Gehirns. Dann lautet nun die Frage: Zwingt uns diese Lehre logischerweise, den Glauben an Unsterblichkeit aufzugeben? Ist jeder ehrliche Denker genötigt, seine Hoffnung auf ein Weilerleben den Konsequenzen jener wissenschaftlichen Erkenntnis zu opfern, die zu ziehen er als Wahrheitspflicht empfindet? Die meisten Menschen, die erfüllt sind von dem, was man einen wissenschaftlichen Puritanismus nennen könnte, werden sich verpflichtet fühlen, die Frage mit Ja zu beantworten. Wenn ein Jünger der medizinischen oder psychologischen Wissenschaft anders empfindet, so tut er es wahrscheinlich infolge jenes mangelnden Zusammenhanges in seinem Denken, der das glückliche Privileg der meisten Menschen ist Sowohl Männer der Wissenschaft, als auch Christen oder gewöhnliche Menschen mit heißem Lebenswillen in der Brust halten die beiden Enden der Kette in der Hand, ohne sich um die Frage der Zwischenglieder zu kümmern. Aber der gründlichere Schüler der Wissenschaft, der keine Kompromisse schließen will, bringt das Opfer, betrübt oder gleichgültig, je nach seinem Temperament, und schickt sich darein, seine Hoffnungen auf den Himmel aufzugeben. Um diesen Einwand gegen die Unsterblichkeit also handelt es sich, und meine nächste Aufgaabe wird sein, Ihnen deutlich zu machen, warum ihm, streng logisch betrachtet, meiner Meinung nach keine entscheidende Kraft zukommt Ich muß Ihnen zeigen, daß die gemeinhin für so unerbittlich gehaltene Folgerung nicht zwingend ist; auch wenn das seelische Leben (in dem Umfang, wie es uns allen bekannt ist), wirklich eine Funktion des vergänglichen Gehirns» wäre, so bleibt trotzdem durchaus möglich, daß es noch fortlebt nach dem Tode des Gehirns. Der Schluß auf die Unmöglichkeit dieser Fortdauer ergibt sich lediglich aus einer oberflächlichen Betrachtung der Tatsache jener funktionellen Abhängigkeit Sobald wir diesen Begriff der „funktionellen Abhängigkeit" genauer ins Auge fassen und uns z. B. die Frage vorlegen, welche verschiedenen 527