Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 1 (1925-1926)
- Issue
- Heft 5 (Dezember 1925)
- Article
- Unsterblichkeit
- Date
- 1925-12-01
- Page
- 526 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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William James Es ist also die physiologische Psychologie, die den Weg zu dem alten Glauben versperrt Und als physiologischer Psychologe bitte ich Sie, die Frage mit mir etwas näher ins Auge zu fassen. Es ist in der Tat wahr, daß die physiologische Wissenschaft zu dem erwähnten Schluß gekommen ist, und wir müssen betonen, daß sie dabei nur die allgemein übliche Ansicht etwas weiter und schärfer durchgeführt hat Jeder weiß, daß ein verkümmertes Gehirn Schwachsinn zur Folge hat, daß ein Schlag auf den Kopf das Gedächtnis oder das Bewußtsein auslöscht, und daß Gehirnstimulantien und Gifte die Beschaffenheit unserer Ideen verändern. Die Anatomen, Physiologen und Pathologen haben die allgemein zugestandene Tatsache dieser Abhängigkeit nur im Einzelnen genauer erforscht Was Laboratorien und Krankenhäuser uns weiter gelehrt haben, ist dies, daß nicht nur das Bewußtsein im Ganzen eine Gehirnfunktion ist, sondern daß auch die verschiedenen Arten und Formen des Bewußtseins Funktionen bestimmter Teile des Gehirns sind- Wenn wir sehen, treten die Windungen im Hinterhaupt in Tätigkeit, wenn wir hören, ein Teil des Schläfenlappens, wenn wir sprechen, eine der Stirnwindungen. Professor Flechsig in Leipzig (der vielleicht mehr als jeder Andre sich rühmen kann, diese Dinge studiert zu haben) ist der Meinung, daß in anderen bestimmten Windungen jene Assoziationsprozesse sich abspielen, die das Auftreten abstrakter Denkvorgänge ermöglichen. Ich könnte Ihnen diese Stellen leicht zeigen, wenn ich eine Abbildung des Gehirns zur Hand hätte. Weiter: Die Verminderung oder Zunahme der Assoziation zwischen der von diesen Gelehrten so genannten „Körperfühlsphäre" und den übrigen Regionen bedingt nach ihm die Beschaffenheit unseres Gefühlslebens und entscheidet im einzelnen Fall darüber, ob ein Mensch ein roher und gefühlloser Verbrecher, eine haltlos sentimentale Natur oder ein Gefühlseindrücken zugänglicher und doch fester Charakter wird. Solche ins Einzelne gehenden Behauptungen mögen noch manche Berichtigung erfahren, aber die durch Gehirnanatomen, -physiologen und -pathologen herausgearbeiteten Grundpositionen stehen so fest, daß die Jugend auf unseren medizinischen Schulen unbedenklich gelehrt wird, sie zu glauben. Die Überzeugung, daß jede weitere Erfahrung sie immer genauer bestätigen wird, liegt der ganzen zeitgenössischen Forschung zugrunde. Und jeder von unseren jungen Psychologen wird Ihnen sagen, daß nur ein paar veraltete Scholastiker und vielleicht einige verrückt© 526