Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 1 (1925-1926)
- Issue
- Heft 4 (Oktober 1925)
- Article
- Die Entwicklung des jüdischen Frauentypus seit dem Mittelalter
- Date
- 1925-10-01
- Page
- 514 (sequence 19)
- Language
- German
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Selma Stern Wohlbehagen machte sich breit, gleichsam als Reaktion gegen alle Entbehrungen der Vergangenheit Es begann ein Welteifer, in hohe und höchste Kreise zu kommen, man jagte förmlich nach Titeln und Orden, Grafen- und Fürstenschlössern. So ließ sich z. B. Marianne Meyer ihrer künftigen Karriere zuliebe schon als Kind heimlich taufen. Es gelang ihr auch, zuerst den sächsischen Gesandten am preußischen Hofe, einen Grafen Geßler zn umgarnen, zu seinem Nachfolger den Grafen Christian Bernstorff, den Sohn des dänischen Ministers zu erwählen, »uim schließlich mit dem vornehmsten von allen, dem österreichischen Gesandten Fürst Heinrich XIV. von Reuß eine heimliche Ehe einzugehen. Ihre Schwester, die eitle und nervöse Sara Meyer endigte nach einem wechselvollen Leben als livländische Baronin von Grotthus, Marianne Saaling wurde ihrem früh verstorbenen Verlobten, dem spanischen Grafen Marialva zu liebe katholisch. Aber auch die Ernsten und Schwerblütigen folgten diesem Zuge der Zeit Henriette Herz trat nach dem Tode ihrer Mutter zum Protestantismus über, beeinflußt von der christlichen Philosophie ihres Freundes und Lehrers Schleiermacher. Dorothea wurde protestantisch, als sie ihre Beziehungen zu Friedrich Schlegel legitimierte. Sie bekannte sich aber einige Zeit später im Kölner Dome zum Katholizismus, angesteckt, wie es scheint, von der mittelalterlich roman1 tischen Richtung ihrer Tage, aber auch aufgerieben durch materielle Sorgen schwerster Art, durch die Launen, den Egoismus, die Treulosigkeit des noch immer angebeteten Gatten. Sie mochte den inneren Frieden, den ihr weder1 das Judentum noch der Protestantismus hatte geben können, von einem dritten übersinnlichen Reiche erwarten. Aber auch Rahel, der das Christentum doch nur ein beinahe zufälliges Moment in der Entwicklung des Gemütes war und unvereinbar mit dem Erdenleben, wurde Christin, als sie, 43 jährig, ihre Ehe mit Varnhagen van Ense einging. Die Taufe war diesen Frauen kein religiöser, das Gewissen irgendwie bindender Akt Sie war ihnen nur von symbolischer Bedeutung. Sie war für sie, wie Rahel einmal sagt, nur das „äußere Bekenntnis zu der großen Klasse, mit deren Sitte, Meinung, Bildung und Überzeugung man eins" geworden war. Das tiefe Verständnis, das diese Frauen für die eigenartigsten Menschen, die kompliziertesten Weltanschauungen, die bizarrsten Zeitströmungen hatten, 514