Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 1 (1925-1926)
- Issue
- Heft 4 (Oktober 1925)
- Article
- Die Entwicklung des jüdischen Frauentypus seit dem Mittelalter
- Date
- 1925-10-01
- Page
- 515 (sequence 20)
- Language
- German
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Der Frauantypus der Romantik war ihnen für die eigene Religion verschlossen. Dorothea kannte die Weisheit der Inder, die Mythen aller Völker, die christliche Mystik —, die jüdische Kabbala blieb ihr fremd. Rahel studierte Angelas Silesius, und St Martin, Spinoza und Novalis —, dem religiösen Gehalt des Judentums stand sie feindlich gegenüber. Sie glaubte an einen persönlichen Gott, ja das ganze Weltall erhielt erst durch ihn für sie Leben, Schönheit und Bedeutung, aber der eigene Gott, der Gott ihres Volkes offenbarte sich ihr nicht Sie ergründete das Geheimnis einer jeden Menschenseele, sie löste die Rätsel der Klassen und Stände, sie verzieh die Fehler und Schwächen eines jeden ihrer Freunde. Aber für die eigene Umgebung hatte sie nur Worte der Verachtung und des Tadels, sie war ihr ekelhaft, herabziehend, beleidigend, unsinnig, und ein einziges Berühren störte ihren Adel. Sie empfand sich als groß und edel und kraftvoll im Denken, sie sah die Welt, wie wenige sie sahen. Aber sie empfand gleichzeitig ihr Judeseiu als der» Fluch, und als die größte Schmach, das herbste Leid, das Unglück ihres Lebens, als eine ewige innere Verblutung, als einen ewigen Tod. Und doch ist keiner dieser Frauen zuteil geworden, was sie mit ihrem Herzblut hatten erkaufen, mit der Preisgabe ihres Stolzes hatten erzwingen wollen — die völlige Umschmelzung und Verwandlung ihres Wesens. Davon zeugt das geheimnisvolle Schuldgefühl Dorotheas, Marianne Saalings stille Resignation, Raheis Schwermut und Disharmonie, Henriettens Sehnsucht nach dem Tode. Rahel, die weiteste und weiseste unter ihnen, hat dies mit der prophetischen Hellsicht, die ihr eigen war, erahnt Auf ihrem Totenbette, als sie noch einmal ihr ganzes reiches Leben überschaute und es maß an den ewigen Werten* erkannte sie die Unmöglichkeit, sich völlig loslösen zu wollen aus seinem Blute, seinem Stamme, seiner Art. Und jetzt, da sie, „der Flüchtling aus dem Lande Ägypten und Kanaan mit erhabenem Entzücken an diesen ihren Ursprung, an diesen ganzen Zusammenhang des Geschickes" dachte, „durch welches die ältesten Erinnerungen des Menschengeschlechts mit der neuesten Lage der Dinge, die weitesten Zeit- und Raumformen verbunden sind", möchte sie um keinen Preis es mehr missen, als Jüdin geboren zu sein.-- Es ist schwer, diese Frauengeneration der Emanzipationszeit auf einen einheitlichen Nenner zu bringen. Dafür ist sie viel zu widerspruchsvoll in ihrer rationalistischen Zweifelsucht und romantischen Verträumtheit, in dieser Mischung von Sinnlichkeit und Geistigkeit, von eitlem Ehrgeiz und freudiger 5X5