Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 1 (1925-1926)
- Issue
- Heft 4 (Oktober 1925)
- Article
- Die Entwicklung des jüdischen Frauentypus seit dem Mittelalter
- Date
- 1925-10-01
- Page
- 513 (sequence 18)
- Language
- German
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Der Frauentypus der Romantik In ihrem Roman „Florentin" laßt Dorothea ihren Helden nach der großen und einzigen Liebe suchen, die irgendwo, wie er in froher Ahnung weiß, existiert. Er sehnt sich nach der Frau, die ihn liebt Doch will sie eine Vers einigung nicht auf Kosten der Selbständigkeit, nicht eine übertriebene Ehe, sondern die Wahrung der gegenseitigen Individualitat, eine Verbindung freier und gleicher Wesen. „Liebe ist die größte Überzeugung", schreibt Rahel einmal, „Auge, Ohr, Gefühl, Herz, alles ist unwiderstehlich überzeugt Kann man widerstehen, dann liebt man nicht Aber darum lieben auch nur Menschen, d. h. hohe, überzeugungsfähige Geschöpfe." Ihr ganzes Genie, sagt sie ein anderes Mal, sei ihre Macht zu lieben. Es sei der Adel einer Frau, lieben zu können. Ja, die Frau habe keinen anderen. Rang, keinen anderen Stand. So sehr sie auch „das romantische Spielen mit Liebe und Ehe" haßt, so unbedingt verlangt sie von der Frau, der Stimme ihres Herzens ohne alle anderen Rücksichten oder Angst vor Convention und öffentlicher Meinung zu folgen. „Liebe ist der Lebenszustand, der unsere Tage reich, hell, bedeutungsvoll macht Nur durch Liebe empfindet man sein eigenes Dasein, ja die Liebe ist in dem Grade der innerste Kern unserefe Wesens, daß sogar ein Schein davon unsere Teilnahme erwecken kann." Wie s^e selbst ihren ganzen Geist und ihren Witz darin erkennt, die Seele des Geliebten zu erkennen, zu durchdringen, zu erraten und zu verstehen, so möchte sie für ihn allein allen Reiz mit ihrem Blute erkaufen!, für ihn allein schön sein und leben. Und wie ihr die Liebe als eine Kraft des Herzens, eine Einheit der Geister, eine Reinheit des ganzen Wesens ist, so träumt sie auch von einem Zusammenleben mit dem Manne „voller Seele,, Vollgefühl und Herzensehrlichkeit" Ja, die Liebe ist ihr so sehr das wesentliche und eigentliche Bindeglied der Menschen, daß sie jede Ehe ohne Neigung als Unsittlichkeit, Verstellung, Unwahrhaftigkeit und Schlechtigkeit verwirft, und ihr jede Ekstase irgend welcher Art höher steht als ein „intimes Zusammenleben ohne Zauber und Entzücken".--- Aber freilich, nur die ganz Starken vermochten dieser Überzeugung zu leben. Viele sind an der neuen Lehre — die vielen Ehescheidungen und Eheirrungen bezeugen es — rettungslos gescheitert Bei Oberflächlichen wurde Manie und Mode, was Tieferen Herzensbedürfnis war. Die lang unterdrückte Lebenslust flammte hell empor und riß viele in einen Strudel von Abenteuern, in denen sie sich verloren. Eine Sucht nach ästhetischen und raffinierteim 513