Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 1 (1925-1926)
- Issue
- Heft 4 (Oktober 1925)
- Article
- Die Entwicklung des jüdischen Frauentypus seit dem Mittelalter
- Date
- 1925-10-01
- Page
- 512 (sequence 17)
- Language
- German
- Belongs to
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Selma Stern großes oder ganz kleines Schicksal verlangt, nur nicht ein Herumgetriebenwerden auf der lumpigen Mittelstraße. So ist ihnen auch der Gatte nicht mehr, wie der Ghettojüdin, der natürH liehe Versorger der Familie, bei dem sie ein geruhsames Hafenglück finden. Er wird für sie das Mittel zur Ausbildung ihrer Individualitat, zur Selbsterkenntnis, zur Erkenntnis der Welt, zur Selbstlosigkeit und Hingabe. Die Liebe, nun nicht mehr der „tändelnde, nur leicht verwundende Amor", sondern der „lebensgefährliche Eros" wird zum mystischen Schicksal, das segensreich oder verhängnisvoll in ihr Leben tritt, dem sie aber folgen müssen und führe es auch in Not und Tod. Deshalb fehlt aber auch diesen Frauen die Geschlossenheit und der Seelenfriede der Frau des Ghetto. Indem man die kongeniale, die ergänzende Seele der andern Menschenhälfte sucht, von ihr allein Sinn und Weihe des Daseins sich verheißt, wird das Leben eine drängende Sehnsucht, ein rastloses Wandern nach diesem Ziele. Indem die zeitgenössische Literatur und Philosophie, erfüllt von den Problemen der Liebe, der Ehe, der Freundschaft, der Abgrenzung weiblicher und männlicher Eigenart, der psychologischen Analyse, die Beziehungen zwischen Mann und Frau unendlich verfeinerten und vertieften, erregten sie auch das Empfindungsleben der Frau ungemein. Jean Paul sagt einmal, es gebe jetzt mehr unglückliche Ehen als früher, weil die Steigerung der männlichen Empfindung^ die der Frau ins Ungemessene aufgeregt habe. Schleiermacher hat dieser Auffassung Ewigkeit verliehen durch seine berühmten Worte, daß es auch in der Liebe vorläufige Versuche geben müsse, aus denen nichts Bleibendes entstehe, von denen aber jeder etwas beitrage, um das Gefühl bestimmter und die Aussicht auf Liebe größer und herrlicher zu machen. Aus dieser Zeitströmung heraus ist das viel getadelte, abenteuerliche, liebeerfüllte Leben der Emanzipationsjüdin zu erklären. Wir finden die gleiche Erscheinung auch bei der deutschen Frau jener Epoche. Wie Frau von Kalb hetzt es Marianne von Eybenberg rastlos hin und her. Wie die Günderode den Weg zu Greuzer, der ihr Todesweg wurde, erst auf den Irrpfaden ihrer Liebe zu Savigny und Brentano findet, findet Rahel erst über Finkenstein und d'Urquijo bei Varnhagen van Ense ihr Ziel. Wie es Caroline von Lengefeld wegtreibt von ihrem Manne zu Schiller, zu Wolzogen, zu Dalberg, so treibt es Regina Frohberg und Esther Gad immer dem Bilde nach, das ihre Phantasie sich geformt hat 512