Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 1 (1925-1926)
- Issue
- Heft 4 (Oktober 1925)
- Article
- Die Entwicklung des jüdischen Frauentypus seit dem Mittelalter
- Date
- 1925-10-01
- Page
- 509 (sequence 14)
- Language
- German
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Der Frauentypus der Romantik auf einer ungemeinen Verwandtschaft, einer inneren Ähnlichkeit der Naturen, vermöge deren sie einander bis ins letzte in dem verstanden, was ein jedes aus seiner besonderen Existenz von Gemütsreichtum und Einsicht in die Welt dem andern entgegenbrachte. Wie sie nebeneinander lebten, alles teilten, erhöhte dieser Austausch das Gefühl des Glücks über ihren reichen Lebensinhalt, das freudige Selbstgefühl ihrer Individualitat Besonders bei Schleiermacher war dies der Fall. Er möchte ihr in den Jahren der höchsten überströmenden Lebensfülle von dem Gehalt jeder Stunde am liebsten eine Anschauung geben, weil in ihrer verwandten schönen Natur dieser Gehalt sich verdoppelt Sie allein verstand ihn auch in einer Beziehung ganz, welche selbst für seine nächsten Freunde in. diesen ersten Berliner Jahren etwas Unbegreifliches behielt, in seiner begeisterten Liebe zu seinem Predigerberuf. — Hier war kein Gemüt, das seiner als eines Haltes im Sturme des Lebens) bedurfte. Dieser geordneten harmonischen Existenz gegenüber bestand jene Gleichheit und gegenseitige Unbedürf tigkeit, welche die Grundlage der Freundschaft ist. Wenn er scherzend sagte, sie sei doch eigentlich seine nächste verwandte Substanz, und keine andere Wahlverwandtschaft könne sie je von einander trennen, ja, wenn er ausspricht, daß er sich sein Leben ohne sie nicht mehr denken möge; so ist diese Empfindung ebenso wahr als die gegenseitige ausdrückliche Versicherung, daß in ihrem Verhältnis nichts von Liebe sei, daß auch unter ganz anderen Umständen keine Ehe aus demselben hätte werden können. Von Marianne Saaling, die einst durch ihr heiteres, witziges Wesen und ihre blonde Schönheit die Wiener Gesellschaft blendete, dann in Berlin sich völlig den Werken der Wohltätigkeit widmete, sagt Varnhagen: Sie habe von jeher die glückliche Eigenschaft gehabt, daß ihre Anwesenheit den Raum, in dem sie sich befinde, gleichsam hell machte, wie etwa ein prächtiger Rosenslock dies tue, wohin man ihn auch stelle. Und noch die alternde Frau vermag Ludwig Börne nicht genug zu rühmen. „Sie iul so wohl wie die Sonne im Mai", schreibt er seiner Freundin Jeanette» Wohl. „Die Gabe der Unierhaltung besitzt sie mit einer bewunderungs-- würdigen Leichtigkeit Man glaubt, sie habe kein anderes Sinnen, kein anderes Vergnügen und Geschäft als die Angelegenheiten desjenigen, mit dem sie sich unterhält Sie weiß alle Kleinigkeiten, die einen betreffen, erinnert an jedes Wort, das man gesprochen, an jeden Wunsch, den man gehabt Aber unverkennbar ist ihr gutes Herz, die Quelle ihres Gedächtnisses." Und es 509 32"