Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 1 (1925-1926)
- Issue
- Heft 4 (Oktober 1925)
- Article
- Die Entwicklung des jüdischen Frauentypus seit dem Mittelalter
- Date
- 1925-10-01
- Page
- 508 (sequence 13)
- Language
- German
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Selma Stern Trennungen immer wieder fand, so sacht sie ihn in Schrift and Wort allen ihren Freunden nahe zu bringen. „Mein Leben ist", sagt sie selbst einmal, „an seine Adresse gelangt Daß dieser Mann erlebt von seinen Zeitgenossen, daß er vergöttert, anerkannt, studiert, begriffen, mit dem einsichtigen Herzen geliebt wurde, war der Gipfel aller meiner Erdenwünsche. Dieser vollständige Mensch, dieser Repräsentant, der alle andern in sich trägt, und so mächtig ist, sie uns zu zeigen. Dieser Priester, dieser wahrhaft Gesandte 1 Dieser sagt nun befriedigt selbst: er sei verstanden. Das heißt geliebt, geliebt mit einer Liebe, die er nur verschaffen konnte. Dies habe ich ihm verschafft" Am Beispiel dieser Berliner jüdischen Salons hat darum einer unserer größten modernen Philosophen — Wilhelm Dilthey — „auf den wichtigen Zusammenhang zwischen großen Richtungen der Gesellschaft und solchen des geistigen Schaffens" hingewiesen und darauf aufmerksam gemacht, daß „groß.} Epochen der Dichtung jederzeit mit einer lebendigen Entwicklung der Geselligkeit, mit einer hohen Stufe der individuellen Freiheit in der Gesellschaft verknüpft war." f Größer aber noch als die Wirkung ihres starken Intellekts scheint mir die Wirkung der warmen, reinen Menschlichkeit dieser Frauen gewesen zu sein. Man hat Rahel so schön einen „Virtuos in Herz- und Menschenkenntnis" genannt, die noch „das Salz in dem schmecken konnte, was andere als Asche eines verbrannten Lebens wegwarfen." Man hat sie eine „Seelenergründerin" geheißen, die mit dem Instinkt einer Pythia tief ins Innere des; andern eingedrungen sei, um alle verborgene Schönheit aus ihm hervorzulocken. „Die Empfindung alles zu verstehen", schrieb Caroline von Humboldt einmal an sie, „hat mir noch kein Mensch gegeben wie Du." „Eigentlich gibt es doch keinen größeren Gegenstand des Wirkens als das Gemüt", schrieb Schleiermacher zu gleicher Zeit an seine Freundin Henriette Herz. „0 Sie Fruchtbare, Vielbringende, eine wahre Geres sind Sie für die innere Natur." Und wenn Schleiermacher — wie Dilthey sagt — mit Vorliebe den Satz verteidigte, daß es eine Freundschaft zwischen Männern und Frauen gebe, welch«,» keineswegs eine durch ihren Grad oder die Umstände zurückgehaltene Liebe sei, auch in keinem Moment diese Farbe gehabt habe, sondern eine volle Lebensbeziehung für sich, so war dieser Satz vornehmlich aus seiner Erfahrung Henriette Herz gegenüber geschöpft Sein Verhältnis zu ihr beruhte 508