Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 1 (1925-1926)
- Issue
- Heft 4 (Oktober 1925)
- Article
- Die Entwicklung des jüdischen Frauentypus seit dem Mittelalter
- Date
- 1925-10-01
- Page
- 507 (sequence 12)
- Language
- German
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Der Frauentypus der Romantik von der Auf klär ungszeit und Romantik bis zum Jangen Deutschland. Es habe, so hat Henriette Herz später selbst gesagt, in Berlin keinen Mann und keine Frau von Bedeutung gegeben, die nicht längere oder kürzere Zeit ihrem Kreise angehörten. — — Der Grund für den eigenartigen Zauber,, durch den diese Frauen die glänzendsten Köpfe ihrer Zeit fesselten, lag in ihrem innersten Wesen. Sie verbanden die ganze ursprüngliche und überströmende Unmittelbarkeit mit den feinsten, geistigen Kulturwerten der Gegenwart Sie schöpften aus der eigenen Tiefe die anregende und belebende Kraft, durch die sie der damaligen Geselligkeit einen Reiz verliehen, wie ihn weder vorher noch nachher Deutschland gekannt hat. Man hat deshalb in richtiger Empfindung Frau von Arnstein als die „Slael Wiens", Henriette Herz als die Recamier, Rahel als die Lespinasse Berlins bezeichnet. Denn sie verstanden jene Kunst, die man bis jetzt nur in Frankreich geübt hatte, graziös und geistvoll zu plaudern, leicht und beschwingt von einem Thema zum andern überzugehen, allen Ereignissen des Tages, der Literatur, des Theaters eigene Lichter aufzusetzen, ihnen eine eigene Note zu geben. Sie wollten, wie Rahel einmal sagt, die Geselligkeit zu einem „bewußten, anmutvollen Zusammenwirken des Besten machen, was die Menschheit hervorgebracht hat" Denn „der Inbegriff von allem für Menschen ist menschlicher Umgang, man mag es drehen, wie man will." Diese Frauen verstanden zu analysieren, Menschen witzig und geistvoll zu charakterisieren, Schauspiele und Dichtungen auf ihren Wert hin zu prüfen und zu kritisieren. Ihre lebendige mitschwingende Seele weiß aber auch tief in die Ideen und Stimmungen der Künstler einzudringen, sie aufzunehmen und zu verarbeiten. Während die Deutschen sich oft noch ablehnend gegen Produkte ihres eigenen Volkstums verhielten, erkannten sie die ewigen Werte der neuen Literatur und verkündeten sie mit zitternder Andacht, mit glühender Werbekraft Während Berlin noch ganz unter dem Einfluß der Aufklärung stand und die Bühnen die faden Stücke von Kotzebue und Iffland brachten, ließ Henriette Herz in ihrem Salon Goethesche Dramen mit verteilten Rollen vorlesen, predigte Rahel ihrem Kreise die Weltanschauung des Weimarer Dichters, ihres „Herrn und Meisters". Er war ihr ein „lieblicher, herrlicher, geliebter, geehrter Gast, der ihr neue Lebenspforten zu neuem, unbekanntem, hellen Leben gewiß erschloß." Und wie der Dichter sie durch ihr ganzes Leben als ihr einzigster, gewissenhafter Freund begleitete, den sie nach tausend 507 32