Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 1 (1925-1926)
- Issue
- Heft 4 (Oktober 1925)
- Article
- Die Entwicklung des jüdischen Frauentypus seit dem Mittelalter
- Date
- 1925-10-01
- Page
- 501 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Der Frauentypus der Romantik Mädchen nur in den äußeren Formen der Religion, ohne inneres Verständnis und inneres Erlebnis unterrichtet worden. Gerade weil die „Saat auf einen jungfräulichen Boden gefallen war", ergriffen sie das Neue mit der Inbrunst frischer, ungebrochener Kraft, der keine Höhe zu hoch, kein Himmel zu weit erscheint Ein Zug von Bacchantinnen, so stürmen die Frauen jener Übergangszeit dahin, in ihrem kühnen Willen zum Leben, ihrem Hoffnungsrausch, ihrer Siegeszuversicht Als wollten sie alles nachholen, was sie versäumt, warfen sie sich nun auf die Kunst, auf die Wissenschaft, auf die Geselligkeit, auf die Freundschaft, auf die Liebe. Man verzehrte sich an der eigenen Aufnahmefreude, der eigenen Daseinsfülle. Die revolutionäre Stimmung des Jahrhunderts kam dem revolutionären Drang dieser Frauen entgegen. Man legte Kritik an alles, was man bis dahin für unantastbar gehalten hatte, an die Religion, an die Familie, an das Volk. Man verleugnete den alten, den unsichtbaren, den strengen Gott, um zu den milderen lächelnden Göttern der Erde zu beten. Vielleicht erinnert am ehesten noch Henriette Herz an die alte Generation. Bei ihr hat man das Gefühl, als habe sich nur die Umwelt geändert, nicht so sehr ihre Seele. — Man nannte sie die Juno der Hauptstadt wegen ihrer majestätischen Erscheinung und ihres wundervoll ebenmäßigen Gesichtes. Jhr Wesen entsprach diesem Äußeren. Es war voll der heiteren Ruhe und der Selbstgenügsamkeit antiker Götter. Doch war alles Heidnische, alle Sinnenfreude, alle Genußkraft ihr fremd. Sie hatte die ganze moderne Empfindsamkeit und weichliche Sentimentalität der Wertherzeit in sich aufgesogen. Aber der Grundzug ihres Wesens war Verständigkeit. Wie die Glückel fand sie es ganz in der Ordnung, den von den Eltern der Zwölfjährigen bestimmten Mann zu heiraten, der fünfzehn Jahre älter, häßlich und unansehnlich war. Er war zwar sehr geistvoll und witzig, ein Lieblingsschüler Kants, ein bedeutender Philosoph, ein berühmter Naturforscher, ein -tüchtiger Arzt Aber wann hätte je ein Backfisch, den schönen Kopf mit abenteuerlichen Romanen erfüllt, sich in den starken Verstand eines Mannes verliebt? Trotzdem blieb sie Marcus Herz die treue und geduldige Gattin. Und wenn der Freund Ramlers und Trellers in seiner kühlen Nüchternheit die Liebkosungen seiner Frau als Unvernunft ungeduldig abwehrte, bäumte sie sich dagegen nicht auf. Sie wurde vielmehr seine fleißigste Schülerin und fand für das entbehrte Seelenglück Ersatz in der Erlernung aller möglichen toten 501