Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 1 (1925-1926)
- Issue
- Heft 4 (Oktober 1925)
- Article
- Die Entwicklung des jüdischen Frauentypus seit dem Mittelalter
- Date
- 1925-10-01
- Page
- 502 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Selma Stern und lebenden. Sprachen, im Umgang mit gelehrten Freunden, in ihrer berühmten Geselligkeit Sie wurde viel umschwärmt und angebetet Aber sie hatte selbst keine Erlebnisse. Man versteht, daß sie bei ihrer leidenschaftslosen Art darum mehr die tätige, ratende, helfende Freundin sein konnte als eine sturmische Geliebte. Als der Gatte starb und sie in ärmlichen Verhältnissen zurückließ, fand sie sich mit der gleichen Selbstverständlichkeit in ihren kleinen Zimmern in der Markgrafenstraße zurecht, wie sie früher in ihrem glanzenden Heime in der neuen Friedrichstraße ihre Gäste empfangen hatte. — Henriettens Partnerin im Berliner Salonleben — Rahel Varnhagen — als Typ einer Zeit in Anspruch zu nehmen, scheint gewagt Denn sie war, um mit Friedrich Schlegel zu reden, „zu eminent eine Person", ihre Seele hatte „zu neue, große Gebärden", als daß sie eine Epoche, eine. Generation verkörpern könnte. Sie wäre sicher in der Antike, im Mittelalter, in der Renaissance die gleiche originelle Selbstdenkerin gewesen, dahinstürmend mit der gleichen ungebrochenen Naturkraft; die Stimmungen ihrer Zeit sind nur Accidentelles bei ihr. Und doch hat man mit Recht betont, daß sie die tiefsten Kräfte ihres Wesens aus dem Judentum nahm, wiewohl sie das Judentum kaum kannte. Denn sie besaß „die Grundzüge, die die großen Geister ihres Volkes auszeichnen, eine tiefe Sehnsucht nach unmittelbarem Leben in Sonne und Glanz, in Glut und Leidenschaft und eine eben so tiefe Sehnsucht nach Stille, um über das Leben, seine Wege und Ziele nachzudenken. Die geistige Energie, die in ihrer nach außen gerichteten Betätigung durch Unterdrückung gehemmt war, hatte sich bei Rahel nach innen gerichtet". Ihr war in hohem Grade* die Leidensfähigkeit ihres Stammes eigen, jene Möglichkeit, Schmerzen bis zum äußersten zu ertragen, ja mit einer Wollust fast ständig in ihnen zu wühlen. Sie hatte aber auch die zähe Art ihres Stammes, aus aller* Leiden Kraft zu holen, um sich und andere zu erlösen. Und wenn sie einmal aufschreien konnte, daß ihr kein Schlag, kein Stich, kein Nagel und kein Stachel erspart blieb, daß sie viele Reiche des Schmerzes habe ergründen müssen, so konnte sie doch auch wieder sagen, daß „am Ende alle unsere Tränen und herbste Leiden nur um den Besitz sind. Und man kann nie etwas anderes besitzen, als die Fähigkeit zu genießen". Und erinnert die Inbrunst ihres Gottsuchens, ihre Gabe, in der kleinsten Blume, im einfachsten Menschen das Göttliche zu erahnen, nicht an die Inbrunst 502