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Der Morgen · 1925-10-01 · Heft 4 (Oktober 1925) · p. 500

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Morgen
Volume
1 (1925-1926)
Issue
Heft 4 (Oktober 1925)
Article
Die Entwicklung des jüdischen Frauentypus seit dem Mittelalter
Date
1925-10-01
Page
500 (sequence 5)
Language
German
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Selma Stern Humanitätslehre der Zeit, will er alle charakteristischen Merkmale der Juden1 ausmerzen, ihn ummodeln zu einem allgemeinen menschlichen Typ schlechthin. Er sieht in der Vergangenheit, d. h. dem Judentum, nur das Dunkel, in der Gegenwart, d. h. dem Deutschtum, nur das Licht Denn dort herrschten für ihn Tradition und Gesetz, hier aber Freiheit und Liebe. Dort sah er die Gemeinschaft mächtig, hier aber den Menschen. Dort war nur Beten und Leiden, hier aber Wirken und Tat Dort gab es Schalen, in denen rohe polnische Lehrmeister, den Stock in der Hand, dem verv ängstigten Zögling die unverständlichen lithurgischen und juridischen Aufgaben des Talmud einbläuten. Hier gab es weite humanistische Gymnasien, in denen Homer und Herodot, Vergil und Tibull von den Wundern des griechischem Olymps, von der alles beherrschenden Roma erzählten. Dort saßen blasse Bachurium nächtelang gebeugt über riesige Folianten, hier studierte eine übermütige freie Studentenschaft zu Füßen von Schelling und Fichte, von Schiller und Kant Dort war ein aus mittelhochdeutschen Resten und hebräischen Worten wunderlich gemischtes Idiom, hier erklang eine Sprache, in der Klopstock seine Oden, Goethe seine Rhythmen schrieb. Dort waren überscharfe rabbinische Spitzfindigkeiten oder geheimnisvoll kabbalistische Mystik, hier das strenge logische Lehrgebäude Kants, beherrscht von der unbestechlichen Gottheit der Vernunft Was Wunder also, daß man sich berauschte an der Fülle der Ideen des Jahrhunderts, des reichsten und des glänzendsten, das es je in Deutschland gegeben hat? Daß man wie Verhungerte von den köstlichen Speisen aß, wie Verdurstete den schweren Wein genoß? Daß man sich beeilte, das abgetragene graue Kleid einer leidvollen Vergangenheit mit dem leuchtenden Gewand der modernen Kultur zu vertauschen? Daß man selbst vor der äußersten Konsequenz sich nicht scheute, die „besuchte und freudige Kirche der verlassenen und traurigen Synagoge" vorzuziehen? Denn diese Vereinigung im Glauben erschien gleichsam symbolisch als letzte Befreiung von den Schatten der Vergangenheit, als letzte, unlösliche Vereinigung mit der Gegenwart — — An diesem Umbildungsprozesse waren fast noch intensiver als die Männer die Frauen beteiligt Leichter und beschwingter als sie, aber auch rücksichtsloser und pietätloser das Alte verwerfend, wurden sie die eigentlichen Trägerinnen der gesellschaftlichen Assimilation. Denn während die Männer, in der Jugend von den polnischen Schulmeistern belehrt, wenigstens noch ein jüdisches Wissen besaßen, waren die 500

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