Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 1 (1925-1926)
- Issue
- Heft 4 (Oktober 1925)
- Article
- Die Entwicklung des jüdischen Frauentypus seit dem Mittelalter
- Date
- 1925-10-01
- Page
- 499 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/2895450-2895451-2895456-2896256--00584-2896390- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Der Frauentypus der Romantik von den Rabbinern nocb verbotene Erlernung des Deutschen und der profanen Wissenschaften. Man kennt auch den dornenreichen Weg, den der arme, bucklige Lehrersohn vom Ghetto zu Dessau bis zu seinem ehrenvollen Philosophensitz in Berlin zurücklegte und die rein menschliche Wirkung dieser verfeinerten, mit der ganzen weltlichen Bildung und Gelehrsamkeit seiner Zeit vertrauten und doch im Judentum fest ruhenden Persönlichkeit Hohe Bewunderung hat die Gelehrtenwelt ganz Europas seinen philosophischen und ästhetischen Schriften entgegengebracht Anerkannt ist seine klassische Übersetzung der Bibel, der Psalmen, des Hohen Liedes, die in ihrem schlichten, schönen, reinen Deutsch das Lehrbuch der deutschen Sprache für die damaligen Juden geworden ist Und neben ihn traten, sein Werk fortsetzend und es ergänzend, Männer wie Markus Herz, Hartwig Wessely, David Friedlaender, Isaak Euchel, Lazarus Bendavid, Ephraim Kuh, die als Philosophen, als Naturforscher, als Ärzte und Dichter, als Erzieher und Gründer weltlicher jüdischer Schulen den jüdischen Gottesdienst und die Zeremonialgesetze reformierten, die hebräische Sprache reinigten, vor allem versuchten, Judentum und weltliche Wissenschaft, zwei bis dahin feindliche Begriffe harmonisch miteinander zu versöhnen. Zuerst brachten diese Neuerungen aber noch das Chaos. Erst nach vielen Wirrungen und Irrungen konnte deshalb das Gute dieser jüdischen Reform sich ans Licht ringen. Denn während der eine Teil der Judenschaft, gerade weil Gefahr drohte, noch starrer als bisher an das alte sich klammerte, stürzte sich der andere mit der Lebensgier jahrelang Gefangener in die neue Freiheit Damit begann jener unheilvolle Riß innerhalb der Judenheit selbst, der heute noch nicht geschlossen ist Orthodoxie oder Liberalismus oder, um mit dem damaligen Schlagwort zu reden, Orthodoxie oder Aufklärung wurden die Losung. Zuerst behaupteten die Aufklärer das Feld. Sie geben dem Juden um die Wende des 18. Jahrhunderts, dem Emanzipationsjuden, das Gepräge. Sein Merkmal ist ein völliger Mangel an historischem Sinn. Er verwechselt die Ursache mit der Wirkung, die äußere Form mit dem eigentlichen Inhalt, das Zeremoniell mit der Religion, den geschichtlich gewordenen Juden mit dem Judentum. Er glaubt, das lebendige Leben leiten zu können durch seine Vernunft, unabhängig von allen unbewußten und unterbewußten Trieben, von allen durch Generationen ererbten Anlagen und Neigungen. Beeinflußt von der 499