Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 1 (1925-1926)
- Issue
- Heft 4 (Oktober 1925)
- Article
- Die Entwicklung des jüdischen Frauentypus seit dem Mittelalter
- Date
- 1925-10-01
- Page
- 498 (sequence 3)
- Language
- German
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Selma Stern ihren Eifer und Verstand in öffentlichen Geschäften, ihr Glück im Handel und den Fabriken, den überschauenden Blick ihrer großen Kaufleute. Damit kam die Diskussion über die Judenfrage überhaupt nicht mehr zur Ruhe. Den vielen Schriften der Emanzipationsgegner entsprachen ebenso viele reformfreundliche Vorschläge der Toleranten. Man forderte, den Juden die Frühehe zu verbieten, sie durch Handarbeit zu kräftigen, durch Mischehen mit dem übrigen Teil der Bevölkerung zu verschmelzen. — Es war selbstverständlich, daß diese Ideen befruchtend und erlösend auf die jüdische Gemeinschaft zurückwirkten. Schon das 17. Jahrhundert hatte ihre wirtschaftliche Lage etwas gebessert Der Bund, den die Fürsten des absolutistischen Zeitalters mit den Juden geschlossen hatten, um mit ihrer Hilfe Bresche zu schlagen in das mittelalterlich gebundene partikularistische Handels- und Wirtschaftssystem der Zeit, hatte manchen reichen Gewinn gebracht In fast allen Landern hatten sich zudem einzelne Hofjuden zu gewaltigen Finanzgrößen emporgearbeitet Ausgestattet mit Spezialprivilegien, von den ordentlichen Gerichten befreit, von den Behörden überall geschützt, hatten sie als Hof- und Kriegslieferanten, als Münz- und Steuerpächter sich manchmal eine Achtung gebietende Stellung erworben. Gleichzeitig hatten sie sich durch den Verkehr mit dem Hof und den Großen angenehmere Umgangsformen, eine reinere deutsche Sprache, bessere Bildung und Sinn und Freude an ästhetischem Lebensgenuß erworben. Schon die Glückel von Hameln, die im 17. Jahrhundert lebte, schildert mit Entzücken das reiche, kostbar eingerichtete Haus des Elias Gumpert in Kleve, in dem das Prunkgemach mit goldenem Leder ausgeschlagen war. Es war „die Wohnung eines Königs, in allen Manieren wohl möbliret als eines Herrschers Palast" — Wichtiger noch als diese wirtschaftliche Emanzipation, die ihr freilich erst die Grundlage schuf, war dann die im Schoß der Judenheit selbst entstandene, durch die Zeittendenzen und das Vorgehen des Staates beeinflußte innere Reformation. Während sie den einen Teil dazu führte, das politische Schicksal in die eigene Hand zu nehmen und zäh und unerbittlich mit den verschiedenen Regierungen um die Erlangung der staatsbürgerlichen Rechte zu ringen, machte sie den andern zum Vorkämpfer einer kulturellen und geistigen Assimilation. Es sei hier kurz erinnert an die große reformatorische Tätigkeit Moses Mendelssohns. Man kennt seinen mühsamen Selbstunterricht, die heimliche, 498