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Der Morgen · 1925-10-01 · Heft 4 (Oktober 1925) · p. 497

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Journal
Der Morgen
Volume
1 (1925-1926)
Issue
Heft 4 (Oktober 1925)
Article
Die Entwicklung des jüdischen Frauentypus seit dem Mittelalter
Date
1925-10-01
Page
497 (sequence 2)
Language
German
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Selma Stern: Der Frauentypus der Romantik wähl vorschreibt, die eigene rabbinische Gerichtsbarkeit aufhebt, zieht er die Juden auch in politischer Beziehung tief in sich hinein. Indem der Wohlfahrtsstaat seine vielen Verordnungen über Sprache, Bildung und Erziehung, Ehesachen, Totenbestattung und Gesundheitswesen erläßt, indem er einzelnen Juden den Besuch der deutschen Gymnasien und Hochschulen erlaubt, assimiliert er sie sich in kultureller Hinsicht Gleichzeitig bahnt sich ein Umschwung innerhalb der christlichen Gesellschaft an. Hatten noch die Geistlichen der Reformationszeit die Juden als die heillose, ungläubige Sekte, die Lästerer Christi und des heiligen christlichen Namens mit der ganzen Hartnäckigkeit starrster Orthodoxie verfolgt, hatten noch oftmals die Beichtväter der katholischen Fürsten jedes Unglück des fürstlichen Hauses als Strafe des erzürnten Himmels für die Duldung der Juden gedeutet, so brachten nun die Auf klär ungsideen eine völlige Änderung. Vorbereitet durch die Renaissance und die Philosophen des 17. Jahrhunderts setzten sie an Stelle der Autorität die Autonomie, an Stelle der Gebundenheit und Abhängigkeit die Mündigkeit, an Stelle der Kirche als der mächtigsten Gewalt den Staat, an Stelle des Gewissenszwanges die Gewissensfreiheit, an Stelle der Macht der Gesamtheit das Recht des Einzelnen, an Stelle des Dogmas die Vernunft, an Stelle der Unterdrückung die Toleranz. Die drei Ringe des „Nathan", die Gedankenfreiheit des Marquis Posa, die reine Menschlichkeit der Iphigenie, die Gleichheits- und Freiheitsideale der amerikanischen und französischen Revolution wurden der Zauberschlüssel, der das Tor des Ghetto geöffnet hat. Die freier gesinnten Elemente unter den Juden aus den Fesseln ihrer Orthodoxie zu befreien, gleichzeitig einem geknechteten und gedrückten Teil der Menschheit der Aufklärungskultor teilhaftig zu machen, erschien als eine des Jahrhunderts würdige Aufgabe. Ebenso gefiel sich diese experimentier- und erziehungsfreudige Zeit, am Beispiel der elenden Lage der Juden das Unheil nachzuweisen, das Intoleranz und Verfolgungssucht über einen einst freien und begabten Volksstamm gebracht hatten. Ja, sie hielt, gleichsam als Spiegel, die Standhaftigkeit und das Martyrium der Juden den eigenen Landsleuten als Gegensatz zu ihrer herrschenden Unsittlichkeit und Leichtfertigkeit vor. In seiner Schrift „Über die bürgerliche Verbesserung der Juden" (1781), die ungeheures Aufsehen erregte, pries Christian Wilhelm Dohm die Klugheit, den Scharfsinn, den Fleiß, die Wohltätigkeit, die Betriebsamkeit der Juden, 497

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