Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 1 (1925-1926)
- Issue
- Heft 4 (Oktober 1925)
- Article
- Gestalten der Spätantike
- Date
- 1925-10-01
- Page
- 493 (sequence 14)
- Language
- German
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Philo krämereien und sittlichen Gefahren der griechischen Mysterien; oder vielmehr, es wird etwas doppeltes, gespaltenes; als das Tiefste, nur den Eingeweihten wahrnehmbar, erscheint das Mysterium, aber die Religion hat noch eine andere, allen erfaßbare Seite. „Diese Lehren, oh ihr Eingeweihten, die ihr reinen Ohres seid, nehmt als wirklich heilige Geheimnisse in eure Seelen auf, und plaudert sie keinem der Uneingeweihten aus, sondern bewahrt sie bei Euch als einen Schatz, die Erkenntnis von dem Urheber (des Alls) und von der Tugend und drittens von dem Sprößling beider." Aber diese Mysterien über Gott und seine Kräfte sind doch das Eigentliche, Wesentliche für Philon und deshalb kann man sagen, daß hier die jüdische Religion außerhalb ihrer ist Oder widerspricht, diese Zerspaltung des Grottlichen in eine Mehrheit von Kräften, diese Annahme eines zweiten Gottes (des Logos) nicht der Grundlehre von der Einheit des Ewigen, und jene Zeugungsmysterien, was haben sie noch mit dem Judentum zu tun?. Und die Erhebung der Bibel zu einem Symbol dieser verborgenen Geheimlehren — ist sie etwas anderes als eine völlige Substanzänderung? Dieses Außersichsein wäre nun nicht so überaus merkwürdig, wenn Philon nicht zugleich orthodoxer Jude wäre, der an seiner Religion und an ihren Festen und Gebräuchen hängt Philon ist vom Judentum aus gesehen ein Hellenist, der die jüdische Religion in eine Sackgasse führt, aus der scheinbar nur noch ein Weg ins Christentum übrig bleibt Für die Geschichte des Judentums hat er die Bedeutung, daß er den unterirdischen Strom der jüdischen Geheimlehre an einer Stelle sichtbar macht, der für die Vorgeschichte der Kabbala von außerordentlichem Interesse ist Trotz aller Zurückdrängung durch die Rabbinen hat der Strom der jüdischen Geheimlehre in der Kabbala eine neue Auferstehung gefeiert Philon ist ein Kabbaiist vor der Kabbala: sein Weltschema liegt ihrer Weltauffassung zugrunde, seine Zahlenspielereien, seine mysteriösen Geheimnisse, ins Abstruse vergrößert, führen zu ihr. — Daß von der griechischen Religion aus gesehen hier ein völliger Gestalt Wechsel vorliegt, das bedarf wohl kaum eines Beweises. Mit der originalen griechischen Religion, die auf einer Aufgeschlossenheit der Seele den Wundern des Kosmos gegenüber beruht, die die mannigfaltigen Kräfte als plastische Gestalten erschaut, abgegrenzt und abgeschlossen in sich, jede eine bestimmte menschliche, oft gar zu menschliche Physionomie tragend, mit dieser in sich wundervoll reinen, mythenreichen Religion hat 493 31'