Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 1 (1925-1926)
- Issue
- Heft 4 (Oktober 1925)
- Article
- Gestalten der Spätantike
- Date
- 1925-10-01
- Page
- 494 (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
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Fritz Heinemann der Philonismus schlechterdings nichts zu tun. Freilich lassen sich in der griechischen Religion verschiedene bestimmte Entwicklungsreihen verfolgen: wie die philosophische Reflexion einsetzt, kritisch die Göttergestalten degradiert und in der Einheit des Kosmos die Einheit Gottes erkennt, wie in der Welt des Hellenismus die Götter allmählich ihre plastische Gestalt verlieren, wie abstrakte Begriffe, z. B. die Tyche, der Zufall, Götter werden, wie orientalische Götter hineinfließen und zur Gestaltzerstörung beitragen, indem die sich mit griechischen vermischen, wie so allmählich namenlose, unbekannte Götter entstehen, wie sich dann an einen Gott als bloße Namen die Schemen der einst so reichen Götterwelt anknüpfen und wie dann der vielnamige Gott zum unbekannten Gott einerseits, zum deus pantheus andererseits wird. Und doch ist der Agnostos Theos Philons etwas von Grund aus anderes als ein griechischer Gott: er enthält in sich die Transcendenz des jüdischen Weltschöpfers, den auch die letzte Spur der griechischen Immanenz verlassen hat — Völliger GestaltWechsel aber auch von der griechischen Philosophie aus gesehen, der man Philon einzuordnen pflegt Wo war in der griechischen Welt ein Philosoph Gottsucher, wo ein Traditionalist im oben angegebenen Sinne, wo der philosophierende Theologe pder der theologisierende Philosoph? Wo der religiös zentrierte Philosoph, der bewußt die rein wissenschaftliche Erkenntnis herabsetzt, der die innere Erfahrung, das religiöse Erleben höher wertet als die mit Beweisen arbeitende ernste Forschung, der das Rechenschaftablegen in sokratisch-platonischem Sinne für die theoretische Erkenntnis leugnet und sich auf die Offenbarung Gottes beruft? Das ist schlechterdings ein Novum in der antiken Philosophiegeschichte. Damit ist eine völlige Umorientierung von der folgenschwersten Art vollzogen, die in dieser phänischen Weise der Bindung an eine geschichtliche Offenbarung freilich zunächst nur im jüdisch-christlichen Kreis zur Anerkennung kam; aber grundsätzliche Bedeutung hat die Höherwertung einer inneren Erfahrung über die äußere: die Einführung des Prinzipes der Gnosis als eines den Menschen in göttliche Geheimnisse einweihenden und durch deren Schau in seinem Kern umwandelnden Prinzips; dieses setzt sich allmählich auch im spätantiken Kreis durch, bis es im Neuplatonismus auch in der Philosophie zur Herrschaft kommt Jene Verbindung aber von Philosophie und Offenbarung, von Wissen und Glauben, 494