Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 1 (1925-1926)
- Issue
- Heft 4 (Oktober 1925)
- Article
- Gestalten der Spätantike
- Date
- 1925-10-01
- Page
- 489 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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Philo erhalten. Ja ich glaube, die Ekstatik des Introvertierten ist die Flacht vor sich selbst, vor der eigenen Zersplitterung und der Versuch, die Einheit, die ihm hienieden mangelt, durch Auslöschen der Vielheit, durch „Nichtzweiheit"> durch Eintauchen in ein transcendentes einheitliches Princip zu erlangen., Der Übergang vom sterblichen zum unsterblichen Leben erscheint darum hier als eine Aufgabe der Zweiheit (duag) von Leib und Seele und eine Umschaffung, eine Umharmonisierung, wie es hier heißt, in den sonnigsten Geist, der eine Einheit ist, die selbst keine Vielheit hat (De vita Mosis II 288);. Was hier also als eine weitergehende Spaltung erscheint, ein Hinausgehen über Leib und Seele zum Geiste, das stellt sich vom Individuum aus gesehen als ein Versuch der Überwindung der Spaltung dar, beflügelt von der Sehnsucht, die verlorene organische Einheit auf anderer Ebene wiederzugewinnen. Biologisch gesprochen handelt es sich um die Herstellung einer Ersatzfunktion, und das Individuum erreicht eine zweckmäßige Lösung und findet eine neue Harmonie, indem es die natürliche Einheit zusammen mit der ganzen natürlichen Welt entwertet, und die Sphäre, auf der die neue Einheit liegt, für die eigentlich seiende erklärt Religiös bedeutet es, daß der Mensch einen Teil von sich als gottgesandtes, ja göttliches Element empfindet, daß er durch diesen Geist mit Gott verknüpft ist: zum Göttlichen wird er emporgehoben, wenn er von der Natur des allmächtigen und das Niedere überwältigenden Geistes (Pneuma) angeweht ist (im Pneuma ist noch die Sprachwurzel des Wehens, des Windes, des Anhauches lebendig, wie im hebräischen Ruach); emporgeschleudert und in die fernste Höhe erhoben, erlebt er die Seligkeit dieser Himmelfahrt. Auch Philons Gott, dem die Seele zustrebt, den sie aber erkennend nicht zu fassen vermag, ist also der Unbekannte, derAgnostos Theos. Aber dieser philonische Gott, der von ihm schlechthin der „Seiende" genannt wird und der zugleich der Unnennbare, Undenkbare, Unfaßliche, ja im letzten Grunde Gestaltlose ist — er ist für den Menschen irrational und diese seine Irrationalität ist ein Grundzug der philonischen Welt überhaupt „Wie ist es wunderbar", ruft er aus, „daß das Sein dem Menschen unfaßlich ist, wenn auch die in einem jeglichen befindliche Intelligenz unbekannt (äyvwOTog) ist? Denn wer kennt die Seele?" Diese Unfaßbarkeit Gottes ist etwas eminent Jüdisches in Philon. Nicht nur die Verfertigung eines Bildes, sondern schon das Aussprechen des Gottesnamens ist dem Juden verboten. Diese, den praktischen Tendenzen der Rein- 489