Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 1 (1925-1926)
- Issue
- Heft 4 (Oktober 1925)
- Article
- Gestalten der Spätantike
- Date
- 1925-10-01
- Page
- 488 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Fritz Heinemann wiewohl sie noch nicht einmal sich selbst besitzen, ja nicht einmal wissen, was sie ihrem Wesen nach sind: Gott gehört alles, von ihm hat der Mensch seinen Besitz nur zu Lehen. Diese Erkenntnis der Nichtigkeit des Menschen ist fundiert in einem Gefühl der Fremdheit Mit Philon tritt der fremde Mensch in den Ümkreis der antiken Kultur; hier scheint ein Fall vorzuliegen, wo sich die soziologische Beziehung des Menschen zu der ihn umgebenden Gesellschaft ins Metaphysische steigert; denn nur so ist es zu verstehen, daß es von den Geschöpfen heißt, sie seien nur Fremdlinge und Beisassen in Gottes Weltstaat und Gott selbst sei der einzige Bürger. Aber trotz der Überschreitung des menschlichen Denkens, trotz allem entsteht keine eigentliche Mystik. Gottschauen und durch das Sehen Gottes innerlich umgewandelt werden, das will Philon, er möchte eine unmittelbare Berührung mit dem Göttlichen. Hier aber treten Hemmungen ein oder ei heben sich Schranken und zwar Schranken, die metaphysisch tief begründet sind. Denn der Ekstatiker gelangt nach Philon zur Erkenntnis, daß Gott ist, nicht was er ist „Denn jenes Wesen, das besser ist als das Gute, ehrwürdiger als die Einheit und reiner als die Eins, kann unmöglich von einem anderen geschaut werden, weil es nur von sich allein (vollkommen) begriffen werden kann." Moses, der auf den Berg Sinai steigt, antwortet der Ewige: „Das Verständnis meines Wesens ist aber nicht nur den Menschen, sondern auch dem ganzen Himmel und dem Weltall versagt." Solange man also unter Mystik Vereinigung des Menschen mit Gott versteht, ist Philon kein Mystiker, wohl aber Ekstatiker. Und zwar ist diese Ekstase nicht zusammenzuwerfen mit der des dionysischen Menschen, obwohl sie Bilder teilweise von dort entlehnt und obwohl sie vielleicht mit der Sektenmystik der Therapeuten zusammenhängt. Denn dort kam der Mensch außer sich durch Übersteigern des Nachaußenflutens, durch korybantisches Schwärmen, durch gemeinsame Aufpeitschung der Sinne. Hier zieht er sich auf sich selbst zurück und sucht eins zu werden mit dem überkosmischen Einheitspunkt seiner Welt, kurz, dort die Ekstatik eines Extravertierten, hier eines Introvertierten. Deshalb sind principiell die Versuche, die sogenannte philonische Mystik aus der griechichen herzuleiten, unmöglich. Beide Ekstasen haben eine grundsätzlich andere psychische Bedeutung. Die Ekstatik nämlich, wie sie bei Philon vorliegt, ist nichts als der Versuch, sich zum transcendenteai Inversionspunkt zu erheben und durch Eintauchen in ihn neue Kraft zu 488