Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 1 (1925-1926)
- Issue
- Heft 4 (Oktober 1925)
- Article
- Gestalten der Spätantike
- Date
- 1925-10-01
- Page
- 485 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Philo und Semsurgrund. Der Lebensprozeß kehrt sich noch einmal um. Wir haben also hier das Phänomen einer Doppelintroversion. Und dieser zwiefachen Umkehrung entspricht eine zwiefache Verankerung. Denn hier wächst sich die individuelle Gestalt Philons zu einem Typus aus, wir können hier in seinem Besonderen ein Allgemeines ergreifen. Für diese zwischen Himmel und Erde schwebenden Menschen genügt eine Sicherung im Transcendenten nicht, sie bedürfen eines zweiten Stützpunktes, eines Haltes im Diesseits. Dieser ist nun — und das ist wieder tief in der seelaschen Struktur dieser Gespaltenen verankert — ein literarisches Denkmal der Vergangenheit, für Philon das alte Testament, für Clemens und Origenes außer-1 dem das neue, für den Neuplatonismus Piaton. Wenn auch dem Strom der Zeit entrückt, so sind sie doch rückschauende, vergangenheitsic«ntrierte Menschen. Bücherfreunde sind sie, aber das Buch, an das sie sich klammern, hat die Funktion eines seelischen Haltes, deshalb liegt es in der Vergangenheit, ist seinem Wesen nach der Veränderung entzogen und steht in seiner Bedeutung als Ankergrund völlig außerhalb der Diskussion. Daher bei Philon sowohl wie bei den christlichen Alexandrinern wie im Neuplatonismus dieses Festhalten an der intramundanen Sicherung, selbst dann, wenn sie sich innerlich längst von dem überlieferten Inhalt losgelöst haben. Was bei Philon als Orthodoxie, bei Origenes als Frömmigkeit, bei Plotin als Klassizismus erscheint, ist über dem gleichen Grundphänomen aufgebaut Damit dürfte die Grundstruktur dieses Mannes, soweit sie sich phänomenologisch überhaupt aufzeigen läßt, deutlich geworden sein. Er ist ein doppelt Introvertierter, das ist seine letzte, nicht weiter auflösbare Struktur. Ins Metaphysische gewendet bedeutet dies: es tritt hier ein zwiefach verankerter Mensch in den Kreis der spätantiken Kultur. Bedenken wir, welch epochale Bedeutung vier Jahrhunderte früher das Auftreten des Sokrates hatte. Den wurzellosen Sophisten, die jede Bindung an die griechische Polis, an die heimatliche Religion und an den Mythos verloren hatten, reckte sich dieser wurzelhafte Genius entgegen, der in der Polis, in der absoluten Forderung des Gesetzes und des Allgemeingültigen überhaupt und im Göttlichen Wurzel geschlagen hatte, und es gelang ihm, eine neue Blüte des griechischen Geistes zu erwecken. Hier in Philon bietet sich der in dem unerhörten Scharfsinn des Skeptizismus sich auflösenden griechischen Philosophie ein neuer Ankergrund, ein neuer Halt dar. Darum hat Alexandria, das diese 485