Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 1 (1925-1926)
- Issue
- Heft 4 (Oktober 1925)
- Article
- Gestalten der Spätantike
- Date
- 1925-10-01
- Page
- 484 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Fritz Heinemann der Bibel als Engel bezeichnet wird. Und wenn der Inbegriff der Ideen, der göttliche Verstand oder Logos (ein historisch bekanntlich überaus wirksamer Gedanke) als Sohn Gottes bezeichnet wird, so ist die Gestalthaftigkeit die das ideale Sein auf diese Weise erhält, eine ganz andere wie der Gestaltcharakter der platonischen Idee. Die Zerspaltung der Bibel und der Welt beruht auf der Wandlung des Menschen. „Nicht was über Dir und oben ist, mein Lieber, sondern das, was Dir am nächsten ist, betrachte; erforsche lieber rückhaltlos dich selbst" Bewußte Abwendung von der Außenwelt und von den Problemen der Wissenschaft (es soll hier gar nicht die Welt erklärt werden), deutliche Zentrumsverlagerung, die Seele kehrt sich in sich selbst (Introversion), erforscht sich selber, indem sie Gott sucht Der griechische Mensch war ein selbstgenugsames, autarkisches, seiner Schaffenskraft frohes Wesen. Wie ungriechisch demgegenüber diese Worte: „Was die Seele aus sich selbst gebiert, das ist meist eine Fehl- oder Frühgeburt. Was aber Gott tränkt und befruchtet, wird als Vollendetes, Vollkommenes, Allerbestes geboren. Meinen eigenen Zustand, den ich aus tausendfacher Erfahrung kenne, schäme ich mich nicht zu erzählen: zuweilen wollte ich, wie gewohnt, an die Niederschrift der philosophischen Lehren gehen und wuß-e deutlich, was ich ausspinnen wollte, fand aber den Geist unfruchtbar und steril und ließ, ohne etwas zu verrichten, davon ab, indem ich ihn schalt Aber geschlagen war ich von der Macht des Ewigen, durch den der Seele Mutterschoß geöffnet und verschlossen wird. Leer aber kam ich manchmal herbei und wurde plötzlich erfüllt von Gedanken, die unsichtbar von oben her eingeträufelt und gezeugt wurden, sodaß ich wie in gotterfüllter Begeisterung korybantisch schwärmte und alles, Ort, Anwesende, mich selbst, Wort und Schrift vergaß." Hier liegt das Geheimnis dieses Mannes vielleicht am offensten zu Tage. Es ist nicht etwa, daß er nach innen lebt, daß die Außenwelt für ihn versinkt und daß ein neuer, unsichtbarer Kosmos sich ihm erschließt; er lebt nicht nur in sich hinein, zieht sich zurück von der Welt, kapselt sich ein. Nein, die höchste Seligkeit erlebt er in den Momenten des Schaffens, in diesen fühlt er sich einig mit dem schaffenden Urgrund der Welt, aber er schafft nicht aus sich, er schafft aus einem anderen, der Andere schafft durch ihn. Man wolle dies nicht mit der griechischen Lehre vom Enthusiasmus des Künstlers verwechseln. Der alexandrinische Mensch nämlich lebt aus einem Jenseitigen, Transcendenten, Göttlichen heraus, dieses ist ihm Kraftquelle, Lebens- 484