Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 1 (1925-1926)
- Issue
- Heft 4 (Oktober 1925)
- Article
- Gestalten der Spätantike
- Date
- 1925-10-01
- Page
- 482 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Fritz Heinemann Wunder Philons) eingespannt in eine Harmonie, werden die zwar widerstrebenden Elemente eines doch harmonischen Ganzen, welches den Elementen gegenüber etwas Neues und Unauflösliches ist. — Aber vereint er wirklich Judentum und Griechentum, Philosophie und Religion, wie man es gewöhnlich auffaßt, so etwa wie man aus a und b durch Zusammenfügung c erhalt? Oder ist er nicht vielmehr zu tiefst ein religiöser Mensch und zwar der Träger einer ganz spezifischen Religiosität, einer ganz bestimmten religiösen Haltung, die mit Wahlverwandschaft aus der griechischen Philosophie das heranzieht, was ihr entspricht? Sind denn Religion und Philosophie so getrennt, wie unsere Schulweisheit es sich vorstellt? Waren Sokrates, Piaton, Plotin, Spinoza, Fichte nicht ebenso religiöse wie philosophische Geister? Aber die Einheit von Philosophie und Religion, die sich hier herausbildet, ist etwas ganz anderes als die der religiös fundierten Philosophie eines Sokrates oder Piaton. Nicht als ob sie nicht aus einem Erlebnis hervorbräche bei einem Mann, dem Philosophie so viel bedeutet wie Gott suchen.. Jedoch sie ist irgendwie hindurchgegangen durch die Reflexion, ist nicht die Auseinanderlegung einer urtümlichen, religiös durchwebten, frei erlebten Schau, wie bei Piaton, sondern sie ist deutlich gebunden. Und so entsteht, obwohl Philosophie und Religion in lebendiger Einheit zusammenfließen, ein neuer Typ des religiösen Denkers, von epochaler Redeutung für Christentum, Islam und mittelalterliches Judentum, jener Typus von Denkern, die, bei gläubigem Festhalien der in einer Schrift vorliegenden göttlichen Offenbarung, trotzdem die Philosophie mit eben dieser Offenbarung in Einklang zu bringen vermögen. Philosophie als freie Forschung, wie sie die Zier der griechischen Kultur bildete, ist dahin, sie wird die Dienerin und zugleich Reherrscherin der Religion; denn sie begnügt sich nicht mit der Wortbedeutung der heiligen Urkunde, sondern sie erst enthüllt den eigentlichen, verborgenen Geheimsinn. Philon hat nicht nur den Standpunkt des Traditionalismus erschaffen oder wenigstens zuerst formuliert, der dann von Justinus und Clemens über Augustin und Thomas von Aquino bis zu De Ronald, Maistre, ja bis in die Gegenwart hineinführt. Er hat nicht nur das Problem des Ausgleichs von Glauben und Wissen zuerst gestellt, nein, er hat auch die Melodie intoniert, die dann tausendfach variiert wurde: Umdeutung der Tradition mit Hilfe des Symbolbegriffs. Zwiefach ist der Sinn jeder Ribelstelle, der Wortsinn ist einem jeden erfaßlich, aber der pneumatische oder geistige Sinn eröffnet sich nur dem pneumatischen Menschen. So zerspaltet der zerrissene Mensch 482