Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 1 (1925-1926)
- Issue
- Heft 4 (Oktober 1925)
- Article
- Gestalten der Spätantike
- Date
- 1925-10-01
- Page
- 481 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Fritz Heinemann: Philo Kulturen in sich schließt und das ich deshalb lieber mit einem allgemeineren Namen das Zeitalter der Gnosis nenne. In Philon wenigstens verkörpert sich mehr als das spezifisch Spätantike das orientalische Prinzip der Gnosis: diese ans Mystische grenzende und zur Vergottung führende irrationale, schauende, menschenverwandelnde Berührung mit der Gottheit, die der indische Yogin und der buddhistische Mönch üben. In diesem vielgestaltigen, vielkreisigen und mannigfache Schichten durchflutenden, nicht an ein räumliches Zentrum gebannten, sondern um Rom, um Alexandria, um Antiochia schwingenden Lebensstrom pulsiert das Leben in Alexandria am schnellsten. Die radikale Überwindung der Antike, der plastisch-sinnlich gestalthaften Götter durch den gestaltlosen Gott, der geschlossenen harmonischen, in sich ruhenden seelischleibhaften Menschen, die im Kosmos, im Diesseits wurzeln, durch jenseits zentrierte, aus einem überkosmischen Quell gespeiste Seelen ist hier schon um Christi Geburt erreicht Wie aber kommt es, daß Philon als erster neuer Mensch an der Grenzwacht zweier Jahrtausende steht? Er, so gar nicht Kämpfer, sogar nicht vom Willen zum Neuen getrieben, so gar nicht die Zeiten formend, vielmehr von ihnen geschaffen, mehr ein neues Instrument, auf dem der Zeitgeist spielt, als Schöpfer origineller, nie gehörter Melodien? Diese Frage würde zu einem Teil wenigstens die innere Geschichte jenes Prozesses, dessen äußere Etappen wir skizzierten, beantworten. Sie ist noch nicht geschrieben, aber sollte sie je enthüllt werden, so habe ich bestimmte Anzeichen dafür, daß die Geschichte des jüdischen Menschen ähnliche Etappen durchläuft, wie die des spätantiken Bürgers des römischen Kaiserreiches. Auch hier zunächst unzerstückte, ganz in der Tat und im Konkreten lebende Wesen, auch hier; erst spät, wie es scheint, im Spätjudentum hellenistischer Zeit die Auflösung der organischen Einheit, das Sichselbsterleben als vom Leibe unterschiedene, unvergängliche, präexistierende und unsterbliche Seele. Ist Philon so innerhalb der jüdischen Geschichte nicht Anfang, sondern Ende eines Spaltungsprozesses, der nach ihm abgeschnitten wurde, so repräsentiert er für die spätantike Kultur ein Stadium, das diese erst im zweiten nachchristlichen Jahrhundert erreicht Diese Vorwegnahme ist es, die ihn so interessant macht Das Schicksal, an dem der antike Geist zugrundegehen sollte, seine innerliche Aushöhlung und Erfüllung mit orientalischem Fühlen, das vollzieht er bewußt Jüdische Tradition und griechische Antike, Philosophie und Religion, Rationalismus und Mystik gehen als widerstreitende Kräfte in eine neue Einheit ein, leben als Spannungen weiter und werden doch (das ist das 48t