Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 1 (1925-1926)
- Issue
- Heft 4 (Oktober 1925)
- Article
- Einführungen in das Erste Buch Mose
- Date
- 1925-10-01
- Page
- 477 (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
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Der Turmbau Triumph dieser höchsten Kulturerrungenschaft erhebe sich ein Turm bis in den Himmel 1 Was die Menschen vorhaben, ist anscheinend der kühnste imperialistische Traum, der noch weit über den Plan eines Weltreiches geht Es gibt keine Völker, keine Staaten mehr, es gibt nur noch eine „Weltstadt" im vollsten Sinne des Wortes, ein einziges Stadtbürgertum. Diesen Plan vereitelt Gott. Nicht weil er gleich den griechischen Göttern fürchtet, daß sie seinen Himmel stürmen werden, wie die Giganten der Sage, die den Ossa auf den Olymp türmten und schließlich in der großen Weltschlacht besiegt wurden. Das Unternehmen dieses Geschlechtes ist gewaltig nur an Maßen und an Ausdehnung, der Gesinnung nach ist es armselig und klein. Es ist geboren nicht aus Kraftgefühl, sondern aus Furchtsamkeit und Schwäche, gepaart mit kindischer Prahlerei: „damit wir uns einen Namen machen und uns nicht über die ganze Erde zerstreuen". Es ist der Herdensinn, der sich nur in der Masse und Zusammendrängung geborgen fühlt, und die lehrhafte Unnatur, die Vervielfältigung für Größe und riesige Anhäufung für Stärke hält, und die glücklich ist, wenn dem Turm wieder ein Stockwerk aufgesetzt ist und das Ideal der Menschheit und die Vollendung der Kultur in mechanischer Einheitlichkeit und Organisation sieht Das entspricht nicht den göttlichen Absichten. Der Glaube an die Einheit des Menschengeschlechtes darf nicht zum Fanatismus uniformierender Gleichmacherei werden. Das Wesen des Lebendigen ist die Unterschiedenheit, die bunte Fülle der Gestaltungen und Begabungen, und die Ordnung darf nicht zu dem Götzen werden, dem die Freiheit und die Mannigfaltigkeit geopfert werden. Organisation schafft Einheit und Übersichtlichkeit und scheinbar vereinfacht sie, aber in Wahrheit kompliziert sie und, was der schlimmste Schaden ist, sie entseelt. Sie ist die ideen- und gemütlose Schwärmerei der Mittelmäßigkeit Sie möchte schließlich das Ganze zu einem Mechanismus machen, bei dem man nur auf den Knopf zu drücken braucht, daß alle Räder laufen. Wie aber, wenn die Leitung oder gar schon der Knopf einmal versagt? Der „Turmbau zu Babel" ist der Götzendienst der Technik, die Anbetung des Wolkenkratzers, des „biggest building of the world" (riesigsten Bauwerkes der Welt). Aber die Überstadt und der Überstaat sind Gott ebenso mißfällig wie der Übermensch, sie werden unweigerlich dessen schlimmere Spielart erzeugen: den Genußmenschen und den Despoten. Wozu hätte denn Gott die Erde so weiträumig geschaffen, wenn die Menschen sich alle auf einen 477 30*