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Der Morgen · 1925-10-01 · Heft 4 (Oktober 1925) · p. 478

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Journal
Der Morgen
Volume
1 (1925-1926)
Issue
Heft 4 (Oktober 1925)
Article
Einführungen in das Erste Buch Mose
Date
1925-10-01
Page
478 (sequence 16)
Language
German
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B. Jacob Fleck zusammendrängen sollten? „Seid fruchtbar und mehret euch und füllet die Erde!" Daß wir uns auf ihr zerstreuen, Darum ist die Welt so groß. Die Thora macht kein Hehl daraus, an welches Beispiel sie bei dieser Erzählung gedacht hat: es war die Weltstadt Babylon, eine der größten, die die Erde je getragen hat, ein riesiges Häusermeer, wimmelnd von Menschen aus allerlei Völkerschaften mit vielen Sprachen, eine Metropole des Handels und Weltverkehrs, und ihr Wahrzeichen war ein zum Himmel strebender Turmbau. Wie mancher ihrer Lobredner mag solche weltbeherrschenden Träume gehabt haben. „Aber der im Himmel thront, lacht, der Herr spottet ihrer." Sie sagen: Wohlan! So sagt denn Gott auch: Wohlan! Er „steigt hinab", denn wenn sie auch meinten, sie bauten bis in den Himmel, so ist es bis dahin doch noch recht weit, und von der Höhe gesehen ist das Riesenwerk der Menschenkindlein nur ein Spielzeug und die Weltstadt nur ein Ameisenhaufen. Und wie vereitelt Gott ihre Unternehmung? Er läßt den Bau nicht — etwa durch ein Erdbeben — zusammenstürzen, sendet auch kein Verderben über die Menschen, ja bestraft sie überhaupt nicht Er „verwirrt ihre Sprache", die vordem Eine war. Und dazu brauchen wir uns gar nicht ein plötzlich eintretendes Wunder zu denken. Gott will, daß sich die Menschheit über die ganze Erde zerstreue, also ist es auch sein Wille, daß sie sich in Völker und das bedeutet: auch in Sprachen scheide. Eben der Versuch, eine Einheit künstlich herzustellen, bringt die Verschiedenheit an den Tag. Der Turmbau selbst ist es, der ihre Sprache verwirrt. Es wird sich immer als unaustführbar erweisen, alle Menschen um einen Turm zu sammeln, will sagen, unter einen Hut zu bringen. Ein solcher Turm wird immer unvollendet bleiben* und so mag er stehen bleiben als ein Zeugnis seiner Vergeblichkeit, und eine solche Stadt — so spottet die Thora — heißt mit Recht Babel, „Durcheinander", Konfusionopolis. Und es wäre anders auch nicht gut. Das ist keine Musik, wo alle Saiten der Harfe denselben Ton geben, sondern um die große Symphonie der Menschheit zu bilden, soll jedes Volk eine andere Stimme führen. Niemals sehen die Propheten das messianische Heil darin, daß es nur Ein Volk und Eine Sprache geben wird. Die Erzählung vom Turmbau nach der Völkertafel soll — und das ist der gesunde Wirklichkeitssinn der Thora — das ewige Recht der Nationen gegenüber dem Enthusiasmus für die Eine Menschheit wahren. Nicht 478

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