Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 1 (1925-1926)
- Issue
- Heft 4 (Oktober 1925)
- Article
- Einführungen in das Erste Buch Mose
- Date
- 1925-10-01
- Page
- 473 (sequence 11)
- Language
- German
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Sintflut niemals wieder strafweise die Ordnung der Welt aufzuheben, herbeiführt, ist ein Loblied auf Sittlichkeit und Frömmigkeit So wird er der wahre Erzvater der Menschheit wie die Patriarchen für Israel. Die jüdische Theologie hat dies wohl begriffen. Sie bedient sich zur Bezeichnung der Menschheit und des Menschentums nach ihrer sittlichen Seite nicht des Ausdrucks: Mensch, Adamskinder, sondern hat dafür einen anderen Ausdruck geschaffen: die Noachiden. Dieser Bezeichnung bedient sie sich stets, wenn sie von den allgemeinen menschlichen Pflichten im Gegensatz zu den zahlreicheren und strengeren religiösen der Israeliten redet In den Worten des Bundes hat sie geradezu einen kleinen Katechismus für die Noachiden gefunden. Das oberste dieser noachidischen Gebote ist die Achtung vor dem Menschenleben. „Wer Menschenblut vergießt, dessen Blut soll wieder durch Menschen vergossen werden, denn im Ebenbilde Gottes ist der Mensch geschaffen!". Denn das Gericht, das eine Todesstrafe verhängt, hat göttliche Würde. Indem andererseits dem Menschen die freie Verfügung über das Tier, das er ebenso wie jedes Gewächs der Erde zu seiner Nahrung verwenden darf, gegeben wird, ist ebenso grundlegend seine Herrschaft wie deren Schranke festgelegt Dem Tier darf er das Leben nehmen, aber das Menschenleben, jedes Menschenleben ist heilig. Sein Schutzherr ist Gott, der es von jedem Mörder fordern wird, selbst von dem Tier, das den Menschen als höheres Wesen scheuen soll. Als Zeichen des Bundes setzt Gott den Regenbogen ein, ein wundervolles Symbol, nicht bloß eine schöne poetische Vorstellung, sondern, wie ein treffendes Symbol soll, gleich einer Blüte organisch aus dem dargestellten Gedanken herausgewachsen: als Widerschein der Sonne in den Regenwolken versinnbildlicht er die Gnade nach dem Gericht, er ist unter dunklen Brauen der Gnadenblick, das durch Wolken und Himmelstränen hindurchschimmernde vielfarbige Licht der Gnadensonne aus dem Liebeshintergrund des göttlichen Wesens, das Licht ist und bleibt Am farbgen Abglanz haben wir das Leben, die Verheißung des Lebens und ewigen Friedens. Nie wieder Sintflut! Auf welch anderem Felsengrund steht dieser Gottesschwur eines ewig gesetzmäßigen Waltens in der Natur als etwa das Gelöbnis eines Friedensvertrages und Menschenbundes: Nie wieder Krieg! Gottes ewige Verheißungen sind ewig; wenn die menschlichen einige Jahrzehnte halten, ist es schon viel. — In der Mitte des achtzehnten Jahrhunderts wurde die Theorie aufgestellt, daß der Pentateuch nicht, wie man bis dahin angenommen hatte, ein einheitliches von Mose verfaßtes Werk, sondern (viel später) aus mehreren Quellen- 473