Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 1 (1925-1926)
- Issue
- Heft 4 (Oktober 1925)
- Article
- Einführungen in das Erste Buch Mose
- Date
- 1925-10-01
- Page
- 470 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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ß. Jacob zu würdigen. In der babylonischen kommen zwar viele Götter vor, aber die sittlichen Gedanken fehlen ihr gänzlich. Die Flut ist lediglich durch die unbegründete Laune eines Gottes herbeigeführt, und die Rettung des Ut-Napischtim ist die willkürliche Bevorzugung eines Günstlings durch einen anderen Gott. Auch dieser Günstling zeigt keinerlei moralische Züge. Anstatt seine Zeitgenossen, sei es auch nur durch seinen abweichenden Wandel, zu warnen, belügt er sie und wiegt sie, nur auf die eigene Rettung bedacht, in Sichjerheit Sehr bezeichnend ist auch der Zug, daß er sein Gold und Silber nicht vergißt Dafür weint er nachher, als er das angerichtete Unheil betrachtet Die traurigste Rolle spielen die sogenannten Götter. Sie intriguieren gegeneinander und überlisten sich gegenseitig. Die Flut geht ihnen selbst an den Hals, sie müssen davor flüchten, ducken sich wie Hunde, schreien und wehklagen. Um das Opfer sammeln sie sich wie gierige Fliegen, das Blut einzusaugen und sich an dem Schmaus gütlich zu tun. Wie anders der Geist der biblischen Erzählung! Der Grundgedanke, der sie beherrscht und Absicht und Zweck verrät, um derentwillen sie geschrieben ist, ist ein religiös-sittlicher: die Verbindung von Gerechtigkeit und Gnade, wie sie aus dem Wesen des Einen heiligen Gottes fließen. Die Sintflut ist eine Sündflut, ein Strafgericht über die durch Unzucht, Gewalttat und Habgier verderbte Erde. Indem uns erzählt wird, wie auf sittliche Verderbnis eine äußere Katastrophe folgte, sollen wir gelehrt werden, in Katastrophen nach Schuld zu suchen. Diese Betrachtungsweise der Weltgeschichte als des Weltgerichtes hat allerdings die Gefahr, die Wirklichkeit nach moralischen Ideen zu pressen, aber sie ist geringer als die andere, die Geschichte zu entseelen und zu entsittlichen. Weil aber der schlechte Mensch alles, was er unter Händen hat, gleichsam vergiftet und wir für eine neue Ordnung das Bedürfnis haben, das Gemißbrauchte in seiner Reinheit und Würde wiederhergestellt zu sehen, so wurde durch die Sünde jenes Geschlechtes auch die Erde verunreinigt und vergiftet und bedarf einer Reinigung. Das ist der Sinn ihrer vollständigen Überflutung.. Denn zur Vernichtung aller Lebewesen wäre/i auch andere Mittel denkbar gewesen. Die Sündflut ist auch ein Reinigungsbad für die Erde. Wer die biblische Erzählung aufmerksam liest, wird finden, daß sie nicht bloß auf alle dramatischen Effekte, in denen die babylonische schwelgt, verzichtet — obgleich sie sich geradezu aufdrängten —, sondern daß sich überhaupt die Flut, abgesehen von dem etwaigen Geräusch des Regens, vollkommen lautlos vollzieht Kein Sturm, kein Toben der 470