Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 1 (1925-1926)
- Issue
- Heft 4 (Oktober 1925)
- Article
- Einführungen in das Erste Buch Mose
- Date
- 1925-10-01
- Page
- 466 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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B. Jacob besage das Lied Lemechs, das wir erwähnt haben. Die Sethiten sind die geistliche Linie. Aber auch diese Erklärung kann nicht richtig sein. Die Thora verabscheut zwar Gewalt und ungerechten Krieg, aber sie kennt nicht die weltflüchtige Feindschaft gegen die Kultur, die Teufelswerk sei. Übrigens ist die Kulturentwicklung durch die Kainiten fragwürdig. Sie fängt mit dem Ende an (Kain baut eine Stadt) und endet mit dem Anfang, dem Hirtenberuf, und die andern Erfindungen der Söhne Lemechs (metallene Geräte und Harfe und Schalmei) liegen nur an der Peripherie und beziehen sich lediglich auf das Schwertlied ihres Vaters. Nicht einmal die Erfindung des Feuers und der Schrift ist genannt Überhaupt wird diese ganze Linie nur wegen der Mordtat Kains mitgeteilt Darum wird sie nur bis zum siebenten Geschlecht geführt, in dem die Sühne erfolgt, und es werden bei ihr keine Jahreszahlen gegeben. Es kann daher trotz der Gleichheit mehrerer Namen, die wahrscheinlich absichtlich ist, keine Rede davon sein, daß die beiden Linien insofern miteinander konkurrieren, daß sie zwei verschiedene Berichte aus verschiedenen Geschichtsdarstellungen seien. Von Seth stammen allerdings die religiösen Heroen wie Henoch und Noah ab, während in der Linie Kain das Wort Gott überhaupt nicht vorkommt, aber in dem Strafgericht der Sintflut kommen alle, Kainiten wie Sethiten, um, also müssen alle schuldig gewesen sein. Der Ausdruck „Gottessöhne" ist nicht die Mehrzahl von „Gottessohn" sondern bedeutet mit wechselndem Sinne „die Göttlichen". Hier sind es die Herrenmenschen, die sich im Vollgefühl ihrer Lebenskraft und Herrscherstellung göttlich dünkten, kein Gebot über sich und keine Hemmung ihrer Lust kannten, in frevlem Übermut auf der Erde herrschten und sie mit Gewalt erfüllten. Solche Naturen, vermeintliche Übermenschen, hat es je und je gegeben. Ursprünglich vielleicht durch wirkliche Verdienste an die Spitze gestellt, behaupteten sie sich dank einer bestimmten im eigenen Interesse geschaffenen oder begünstigten Staats-, Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung, und stets fanden sie begeisterte Machtanbeter oder servile Schmeichler, welche daraus eine Philosophie und gottgewollte Weltordnung machten. Es war ein angeblich höherer Menschentypus, in der Regel das Erzeugnis einer gesteigerten und verfeinerten Kultur, wie in dem Ägypten der Pharaonen, in dem reichen Tyrus, zur Zeit der römischen Cäsaren, der italienischen Renaissance, vor der französischen Revolution, und in unserer Zeit ist der Begriff des „Übermenschen" Gemeingut der Sprache geworden. 466