Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 1 (1925-1926)
- Issue
- Heft 4 (Oktober 1925)
- Article
- Staat und Erziehung
- Date
- 1925-10-01
- Page
- 454 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Friedrich Niebergall sich bescheiden, die vorhandenen Ansätze und Bestrebungen zu fördern und zu schützen. In seiner hoch über die durchschnittliche pädagogische Literatur hinausragenden Schrift „Allgemeine Erziehungswissenschaft"x) untersucht Peter Petersen den Einfluß der Umweltgrößen auf die erbliche Beanlagung. Dabei kommt er natürlich auch auf den Staat zu sprechen. Er geht den ger gebenen Weg, daß er zuerst das Wesen des Staates untersucht, dann das Verhältnis des Staates zum Geistigen darstellt, um daraus die Grundsätze für die Gestaltung des Schul- und Erziehungswesens zu folgern. Der Staat ist die Einheit der Herrschgewalt, die alle andern Lebensgebiete umschließt Sein Wesen ist zusammengeballte Macht mit Zwangsgewalt Ihm eignet eine Selbstherrlichkeit, eine Autonomie, die alle in ihm begriffenen Gruppen unter sich zu beugen strebt Seine Macht und Selbstherrlichkeit stellt sich in den Dienst des Verlangens nach Herrschaft und nach Gerechtigkeit Der Staat befindet sich stets in den Händen einer Minderheit, und zwar derjenigen, die zurzeit das beste sittliche Recht hat, diese Gewalt auszuüben. So ist er immer von einer bestimmten Gruppe des Volkslebens abhängig. — Das Geistige allein muß eine staatsfreie Sphäre bilden. Der Staat kann keine geistigen Kräfte erzeugen; diese kommen vielmehr nur aus der Tiefe der Volksseele hervor. Wissenschaft, Kunst, Ehe, Kirche — das sind Gebiete, in die er kein Recht hat einzugreifen; denn immer ist er in Versuchung, statt des wahren Ethos sein eigenes diesen geistigen Mächten aufzuzwingen. Der Staat soll Ehrfurcht lernen vor den Tiefen des Geistes, aus denen er sein Bestes geschöpft hat, und vor den ungeschriebenen Gesetzen, die über den seinen stehen. So muß er darauf verzichten, das geistige Leben zu meistern und im Schulzwang die Bildung der Jugend seiner Einheitsform unterzuordnen. — Hat er auch das geschichtliche Verdienst, auf dem Gebiet der Bildung den Übergang von dem Mittelalter zu der Gegenwart geleitet zu haben, so ist doch sein Schuldkonto zu sehr belastet, um ihm seine Monopolstellung zu belassen. Im Dienst der herrschenden Klasse hat er die Schule zur Bekämpfung der aufstrebenden Schichten benutzt; mit dem Berechtigungswesen hat er die Schule herabgezogen; mit seinen militärischen Methoden hat er sich gegen ihr wahres Wesen versündigt. Fast alle Führer auf dem Gebiet der Pädagogik waren darum gegen die Staatsschule und für die wahre Volksschule. Darum gehört die Zukunft der Schule, x) Berlin, Walter de Gruyter 1924, 276 S. 5.— Mk., gebd. 6.10 Mk. 454