Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 1 (1925-1926)
- Issue
- Heft 4 (Oktober 1925)
- Article
- Das neue Denken
- Date
- 1925-10-01
- Page
- 448 (sequence 23)
- Language
- German
- Belongs to
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Franz Rosenzweig kehren. Noch in der Wahrheit selber, der letzten, die nur eine sein kann, muß ein Und stecken; sie muß, anders als die Wahrheit der Philosophen, die nur sich selber kennen darf, Wahrheit für jemanden sein. Soll sie dann gleichwohl die eine sein, so kann sie es nur für den Einen sein. Und damit wird es zur Notwendigkeit, daß unsre Wahrheit vielfältig wird und daß „die" Wahrheit sich in unsre Wahrheit wandelt Wahrheit hört so auf, zu sein, was wahr „ist", und wird das, was als wahr — bewährt werden will. Der Begriff der Bewährung der Wahrheit wird zum Grundbegriff dieser neuen Erkenntnistheorie, die an die Stelle der Widerspruchlosigkeits- und Gegenstandstheorien der alten tritt und an Stelle des statischen Objektivitätsbegriffs jener einen dynamischen einführt; die hoffnungslos statischen Wahrheiten, wie die der Mathematik, die von der alten Erkenntnistheorie zum Ausgangspunkt gemacht wurden, ohne daß sie dann wirklich über diesen Ausgangspunkt hinauskam, sind von hier aus als der — untere — Grenzfall zu begreifen, wie die Ruhe als Grenzfall der Bewegung, während die höheren und höchsten Wahrheiten nur von hier aus als Wahrheiten begriffen werden können, statt zu Fiktionen, Postulaten, Bedürfnissen umgestempelt werden zu müssen. Von jenen unwichtigsten Wahrheiten des Schlages „zwei mal zwei ist vier", in denen die Menschen leicht übereinstimmen, ohne einen andern Aufwand als ein bischen Gehirnschmalz — beim kleinen Einmaleins etwas weniger, bei der Relativitätstheorie etwas mehr —, führt der Weg über die Wahrheiten, die sich der Mensch etwas kosten läßt, hin zu denen, die er nicht anders bewähren kann als mit dem Opfer seines Lebens, und schließlich zu denen, deren Wahrheit erst der Lebenseinsatz aller Geschlechter bewähren kann. Diese messianische Erkenntnistheorie, die die Wahrheiten wertet nach dem Preis ihrer Bewährung und dem Band, das sie unter den Menschen stiften, kann aber nicht hinausführen über die beiden in aller Zeit unversöhnlichen Messiaserwartungen selber: die des kommenden und die des wiederkommenden, — über das Und dieser beiden letzten Einsätze um die Wahrheit Nur bei Gott selber steht da die Bewährung, nur vor ihm ist die Wahrheit Eine. Irdische Wahrheit bleibt also gespalten, — zwiespältig wie die außergöttliche Tatsächlichkeit, wie die Urtatsachen Welt und Mensch. Die samt ihrem Und in diesen Endtatsachen Judentum und Christentum wiederkehren als Welt des Gesetzes und Glauben des Menschen, Gesetz der Welt und Mensch des Glaubens. 448