Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 1 (1925-1926)
- Issue
- Heft 4 (Oktober 1925)
- Article
- Das neue Denken
- Date
- 1925-10-01
- Page
- 447 (sequence 22)
- Language
- German
- Belongs to
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Das neue Denken All machte, entspricht die „copernikanische Wendung" Kants, die ihn zum Ausgleich auf den Weltenthron setzte, viel präziser als Kant dachte. An jener ungeheuerlichen Entwürdigung des Menschen auf Kosten seiner Menschlichkeit war dieses die, gleichfalls auf Kosten seiner Menschlichkeit gehende, maßlose Korrektur. So kommt alle Kritik erst nach der Aufführung. So wenig wie der Theaterkritiker vorher etwas zu sagen hat, mag er auch noch so gescheit sein, denn die Kritik soll ja grade nicht von der Gescheitheit zeugen, die er schon vorher besaß, sondern von der, die erst in dieser Aufführung in ihm entstanden ist: so wenig hat Erkenntnistheorie einen Sinn, die vor dem Erkennen, vor diesem Erkennen, vorhergeht Denn alles Erkennen, wenn wirklich etwas erkannt wird, ist ein einzelner Akt und hat seine eigene Methode. Methodologische Erwägungen über Geschichte überhaupt ersetzen so wenig eine auf das einzelne Geschichtswerk gegründete, wie die Betrachtung eines Literarhistorikers über ein Drama die aus dem unmittelbaren Eindruck einer Aufführung geflossene Kritik des Zeitungsreferenten, — oder vielmehr noch weniger, denn bei Drama und Aufführung ist doch wenigstens das Buch dasselbe, aber „Geschichte überhaupt" gibt es — glücklicherweise — nicht Was nun für jedes einzelne Werk einer Wissenschaft gilt, nämlich daß es seinem Stoff mit eigenen, nie vorher angewandten Methoden und Apparaten zuleibe gehen muß, wenn es das Geheimnis grade dieses Stoffs herauskriegen will, und daß nur der Schüler sich seine Methoden vom Lehrer vorschreiben läßt statt vom Stoff, das gilt genau so auch in der Philosophie; nur daß da, infolge des komischen Umslands, daß Philosophie ein Universitätsfach ist, mit Professuren, die besetzt werden wollen, und ersten Semestern, die auf ihre Visitenkarte drucken lassen: stud. philos., hier die Schüler, die nie über das Schülerstadium hinauskommen, so sehr die Regel sind, daß sie es selber bis zu ihrem siebzigjährigen Abgang nicht merken und infolgedessen die Art Erkenntnistheorie, die bei Schularbeiten allerdings angeht, für die einzige halten. In ein Erkennen, bei dem etwas herauskommt, ist genau wie bei einem Kuchen auch etwas hineingetan. Hineingetan ist in den Stern der Erlösung zu Beginn die Erfahrung der Tatsächlichkeit vor allen Tatsachen der wirklichen Erfahrung. Der Tatsächlichkeit, die dem Denken statt seines Lieblingsworts Eigentlich das seiner Zunge ungewohnte Grundwort aller Erfahrung, das Wörtchen Und, aufzwingt Gott und die Welt und der Mensch. Dieses Und war das Erste der Erfahrung; so muß es auch im Letzten der Wahrheit wieder- 447