Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 1 (1925-1926)
- Issue
- Heft 4 (Oktober 1925)
- Article
- Das neue Denken
- Date
- 1925-10-01
- Page
- 446 (sequence 21)
- Language
- German
- Belongs to
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Franz Rosenzweig lenkenden Charakter des Bandes in der gewohnten Weise friedlich in zwei Bücher auseinander. Daß es im übrigen freilich mit dem Frieden noch nicht so weit her ist, zeigt grade die Ästhetik dieses Bandes. Während der erste Band nur die geläufigen ästhetischen Grundbegriffe abhandelt und der zweite zwar sowohl in der ganzen Einordnung wie in der letzten Zuspitzung die Ästhetik aus der hier besonders fest, weil unbewußt gebliebenen Bindung in die idealistische Tradition befreite, aber zwischenhinein doch den üblichen Inhalt einer Ästhetik entwickelte, läßt der dritte Band sie gipfeln in einer angewandten Ästhetik und verbrennt in dieser Rechtfertigung der Kunst durch das Kunstgewerbe alle Schiffe, die aus diesem Neuland in das klassische Ursprungsland der Wissenschaft vom „zweckfreien Wohlgefallen" zurücktragen könnten. Ich durfte mich bei diesen Dingen, die im wesentlichen die beiden ersten Bücher des dritten Bandes füllen, verhältnismäßig kurz aufhalten; diese Abschnitte gelten ja für verständlich, bis zu dem Grade, daß ein Kritiker dein Leser empfohlen hat, mit der Einleitung zu diesem Band zu beginnen und sich von da aus rückwärts und vorwärts weiterzulesen — gegen welchen Rat ich garnichts einzuwenden habe, vorausgesetzt, daß er aus dem „vorwärts und rückwärts" schließlich auch zum von vorn nach hinten führt Und gegen das, was in der berufenen Verständlichkeit wahrscheinlich an Miß Verständlichkeit steckt, glaube ich im Vorhergehenden einige Gegengifte verabreicht zu haben. Gleichwohl bleibt in all diesem Verständlichen und Mißverständlichen noch eine ganz echte UnverständlichkeiL Es ist die gleiche, die das schlichte Gemüt beunruhigen muß bei der Nebeneinanderstellung von Judentum und Christentum und die auch den Denker befremdet, der hier sich im letzten Ernste, nicht mit der gewissen Vorläufigkeit, die es ihm im ersten Band noch erträglich machen konnte, zugemutet sieht, „das Seiende zu vervielfältigen". Um die Wahrheit geht es also in dem Schlußbuch des Bandes und des Ganzen, um die Wahrheit, die nur eine sein kann. Mit erkenntnistheoretischen Überlegungen, so meint man heute noch, müsse alles Philosophieren beginnen. In Wahrheit wird es allenfalls damit schließen. Der Urheber des erkenntnistheoretischen Vorurteils unsrer Tage, Kant, ist ja mit seiner Kritik selber nichts als ein solcher Abschluß. Nämlich der historischen Epoche, die mit der Naturwissenschaf t des Barock begann. Nur auf die Philosophie dieser Epoche trifft seine Kritik unmittelbar zu. Der copernikanischen Wendung des Gopernikus, die den Menschen zum Stäubchen im 446