Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 1 (1925-1926)
- Issue
- Heft 4 (Oktober 1925)
- Article
- Das neue Denken
- Date
- 1925-10-01
- Page
- 445 (sequence 20)
- Language
- German
- Belongs to
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Das neue Denken wahren, treten Gestalten, die diese allzeiterneuerte Wirklichkeit ewig spiegeln. Von ihnen handelt der dritte Band. Die Darstellung des Judentums und Christentums, die er gibt, ist also nicht ursprünglich von religionswissenschaftlichem Interesse bestimmt, sondern, wie aus dem eben Gesagten wohl schon hervorgeht, von allgemein systematischem, im besonderen von der Frage nach einer seienden Ewigkeit, von der Aufgabe also einer Überwindung der Gefahr, das neue Denken etwa im Sinne vielmehr Unsinne der „lebensphilosophischen" und sonstigen „irrationalistischen" Tendenzen zu verstehn; in den dunklen Strudel dieser Scylla scheint ja heut jeder hinabgezogen zu werden, der klug genug ist, den Rachen der idealistischen Charybdis zu vermeiden. Infolgedessen geht die Darstellung in beiden Fällen nicht vom eignen Bewußtsein der beiden aus, also beim Judentum nicht vom Gesetz, beim Christentum nicht vom Glauben, sondern von der äußeren, sich I baren Gestalt, durch die sie der Zeit ihre Ewigkeit abringen, beim Judentum also von der Tatsache des Volks, beim Christentum vom gemeindegründenden Ereignis; und nur von diesen aus wird das Gesetz und der Glaube hier sichtbar. Auf soziologischer Grundlage wird also hier Judentum und Christentum neben- und gegeneinander gestellt. Daraus ergibt sich eine Darstellung, die beiden nicht ganz gerecht wird, die aber um diesen Preis wohl zum ersten Mal über die auf diesem Gebiet übliche Apologetik und Polemik hinauskommt. Darüber habe ich an andrer Stelle (in dem Aufsatz „Apologetisches Denken") das Nötige gesagt, sodaß ich hier mich nicht zu wiederholen brauche. Die soziologische Grundlage, auf der die Schilderung von Judentum und Christentum sich aufbaut, wirkt sich dann weiterhin aus in soziologischen Partieen, die sich mit jener Darstellung verflechten. Daß das jüdische Volk auf der Tatsache, die es selber ist, beruht und die christliche Gemeinde auf dem Ereignis, um das sie sich sammelt, führt dort zu einer allgemeinen Soziologie und hier zu einer Soziologie der Künste. Eine messianische Politik, also eine Theorie des Krieges, schließt dann das erste, eine christliche Ästhetik, also eine Theorie des Leidens, das zweite Buch des Bandes. So kommt in den beiden ersten Büchern an den Gestalten des Judentums und Christentums die Behandlung der ethischen und ästhetischen Probleme zum Abschluß. Beide gehen durch alle drei Bände hindurch, aber erst hier im dritten legen sie sich, gemäß dem überhaupt in gewissem Sinne ja wieder in das Fahrwasser des alten Denkens mit seinen Seinsfragen zurück- 445 28*